Pampa

Die verkehrsreiche Küstenstrasse lässt uns dem Meer schon wieder den Rücken kehren. Statt mit rasenden, knapp überholenden Camionetas nehmen wir es lieber mit verkehrsärmeren Bergstrassen in der Serra Geral auf. Eine gebirgige Strasse führt uns von Meereshöhe über Urubici auf ein 1500 Meter hoch gelegenes Planalto, dessen äussere Kante steil gegen das Meer hin abfällt. Die Strecke ist zwar anstrengend, landschaftlich aber sehr reizvoll mit dichten Wäldern und herrlichen Wasserfällen. Die Brasilianer findens hier angenehm kühl, ein gesundes Klima für Sommerferien mit ein bisschen Powderschneeromantik im Winter. Wir treffen auf schönes Wetter und müssen am Morgen zum Glück nur Rauhreif und keinen Neuschnee von der Zeltwand kratzen.

Bom Jardin da Serra heisst unser letzter Zwischenstopp, bevor wir zweihundert Kilometer üble Schotterpiste in Angriff nehmen. Von dort führt nämlich eine spektakuläre Bergstrasse, die Serra do Rio do Rastro mit schwindelerregenden Kurven in nur vierunddreissig Kilometern 1400 Höhenmeter hinunter ans Meer. Dieses Spektakel wollen wir uns nicht entgehen lassen. So radeln wir voller Erwartung an die Abbruchkante und stehen kurze Zeit später vor einem enttäuschend weissen Nebelkessel. Der bisenartige Wind, der seit Tagen über die Hochebene fegt, hat sein Werk getan und alle Wolken zum Meer hinunter geblasen. Doch wir haben Zeit. Tatsächlich lichtet sich am Nachmittag der Nebel und die spannenden Stimmungsbilder, die sich aus dem weichenden Grau ergeben, wischen den anfänglichen Unmut weg. So sausen wir doch noch nach Lauro Muller hinunter, von wo wir uns beim Eindunkeln gemütlich wieder hochfahren lassen. Alles mit Vollbepackung natürlich. Dass man das Gepäck für solche Ausflüge auch am Ausgangsort im Hotel lassen könnte, lernen wir erst später. Wir sind eben noch waschechte Tourerogreenhorns. Ein Megaspass nach so viel erkletterten Höhenmetern war’s trotzdem.

Die nächsten Tage kommen wir nur noch mühsam vorwärts. Mit kaum mehr als 10 km/h durchholpern wir die ganze Hochebene, alleine mit der Pampalandschaft und dem Gegenwind bis zum Parque Nacional de Aparados do Serra mit seinen zwei eindrücklichen Schluchten. Ist der Canion de Itaimbezinho mit der einzigen Asphaltstrasse weit und breit gut erschlossen, haben wir den noch schöneren Canion de Fortaleza nur per Zufall kennen gelernt, indem wir uns spontan einer kleinen örtlichen Reisegruppe anschliessen konnten.
Am nächsten Tag schlottern wir noch ein letztes Mal auf der Schotterpiste die zweiundzwanzig Kilometer ans Meer hinunter, wo uns endlich wieder topfebene, fein geteerte Strassen erwarten - und der Regen. Unser Radlerglück währt nicht lange. Kälte, Nässe und Gegenwind lassen uns weiterschlottern. Noch drei Tage kämpfen wir uns auf der Ostseite der Lagoa dos Patos vorwärts, dann stellen wir den Betrieb ein. Wir pausieren einen Tag im Hotel um unsere Sachen zu trocknen. Eine Woche Dauerregen in Südbrasilien kündet uns der Wetterbericht an - und er hält sein Versprechen. Zwar scheinen uns am nächsten Morgen noch ein paar Sonnentrahlen auf den Frühstückstisch, aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Der Südwind bläst uns bald darauf samt Velo in den Strassengraben und es beginnt wieder zu giessen. Im Nationalpark Lagoa do Peixe stoppen wir erneut. Dank einem Fischer können wir auf die andere Seite der Lagune übersetzen, sehen Flamingos und seltsame Sandformen, die der Wind in den weiten Strand geschliffen hat.

Uruguay empfängt uns mit dem gewohnten Gegenwind und Nachttemperaturen knapp über null Grad. Oft fahren und kampieren wir in Meeresnähe. Im Norden sind die Strände noch unverbauter mit sanft gewellten Dünen und hübschen Leuchttürmen in der tosenden Brandung. Weiter südlich, um die berühmten Strände von Punta del Este reihen sich die Blöcke. Zum Glück fahren wir ausserhalb der Saison. Die Betonklötze mit all ihren protzigen Namen haben die Rollläden heruntergefahren, die Sonnenanbeter sind abgereist, die Strandpromendaden leergefegt. In der Hauptsaison muss es hier wimmeln wie an Südfrankreichs Cap d›Agde. Die UBS-Filiale zeugt davon, dass wohl auch ein paar Schweizer Freude an solchen Weihnachtsferien bekunden.
Genau nach zwei Monaten Reisezeit erreichen wir Montevideo. 2900 Kilometer haben wir bisher auf unseren Stahleseln zurückgelegt - Zeit für eine längere Pause. Per Schiff überqueren wir die gewaltige Mündung des Rio de la Plata, wo uns am anderen Ufer Argentiniens Metropole erwartet - Buenos Aires.

Im Viertel von San Telmo, in einem der ältesten Teile der Stadt quartieren wir uns nach der dreistündigen Fährüberfahrt und der mindestens ebensolangen Hotelsuche schliesslich ein. Manchmal wäre das South American Handbook sein Gewicht vielleicht doch wert...
Die nächsten Tage erfreuen wir uns am velofreien Leben und erkunden nach und nach die Attraktionen der sehr europäisch wirkenden Metropole. Ganz oben auf der Wunschliste steht der Tango, dessen Geburtsort in der Region des Rio de la Plata liegt. Wir bewundern die feurigen Tänzer in einer nächtlichen Show in der kleinen, stimmungsvollen Bar Sur. Am nächsten Tag ist Markttag in unserem Barrio. Die Strassen sind mit Menschen verstopft, die die unterschiedlichsten Stände und die Darbietungen der vielen Strassenkünstler geniessen. Auf der Plaza de Dorrego kommen wir in den Genuss einer weiteren Tangoshow in einer völlig anderen Atmosphäre, die uns aber ebenso begeistert. Auch der Besuch des weltbekannten Café Tortoni und des spektakulären Musicals Tanguera gehören zu unserem Tangoprogramm.
La Boca, ein Nachbarviertel mit bunt bemalten Häusern enttäuscht uns ein wenig. Italienische Einwanderer hatten in früherer Zeit ihre tristen Wellblechbehausungen mit Farbe aufgemotzt, doch heute wird nur noch eine einzige Häuserzeile extra für die Touristen gepflegt - und das die Touristen auch sonst im Zentrum stehen, merken wir leider auch an der ständigen aufdringlichen Anmache, als wir durch die Gasse schlendern

Unser nächster Ausflug zum Cementerio de Recoleta wird wieder etwas ruhiger. Der Friedhof mit seinen protzigen Familiengräbern der Reichen und Berühmten von Buenos Aires ähnelt einer kleinen Stadt. Viele «Häuser» erinnern mit ihren verrosteten Fenstergittern, den zerbrochenen Scheiben und dem zentimeterdicken Staub auf den Särgen fast ein bisschen an Draculas Gruft, andere, wie das von Evita mit frischen Blumen geschmückt und von Menschen umringt eher an einen Pilgerort.
Den letzten Tag in Buenos Aires verbringen wir mit Vorbereitungen. Die Veloketten müssen gewechselt und die Schaltungen auf Vordermann gebracht werden, eine grössere Wäsche ist ebenfalls fällig und ab sofort gehören zwei warme Fleecepullover zu unserem Gepäck. Je weiter südlich, je kälter - und vom Frieren haben wir erstmals genug.
Pünktlich um 9.00 Uhr stehen wir am nächsten Morgen mit unseren bepackten Fahrrädern am Busbahnhof von Buenos Aires. Die haarsträubenden Verkehrssituationen der letzten Tage haben uns davon überzeugt für das Verlassen der Millionenstadt den Bus zu wählen. Doch nach einer Viertelstunde hitziger Überzeugungsarbeit fährt der Micro ohne uns ab - kein Platz für die Fahrräder, die hätten wir bereits vierundzwanzig Stunden vorher aufgeben sollen...

So setzen wir schweren Herzens die Helme auf, prüfen den Rückspiegel - und los gehts. Irgendwann gegen 13.00 Uhr haben wir die fünfzig Kilometer Stadt schliesslich geschafft. Alle freien Hautpartien von den Abgasen schwarz eingefärbt, mit brennenden Augen, aber sonst unversehrt lassen wir die Metropole hinter uns.
Von nun an geht es auf der Ruta 3 Richtung Süden. Knapp 1500 Kilometer durch die argentinische Pampa zur Peninsula Valdez liegen vor uns. Viele Einheimische haben uns abgeraten, diese Strecke zu fahren. „Was wollt ihr dort? No hay nada...dort gibt es nichts. Ihr werdet das niemals schaffen." Wir lassen uns nicht beeindrucken, denn würden wir die Herausforderung nicht lieben, wären wir zu Hause geblieben.
Zuerst geht’s ganz flott, der Wind schiebt uns durch die sattgrüne Weite. Trotzdem ermüdet die immer gleiche Landschaft mit ihren endlosen Weideflächen rasch. Schon bald empfinden wir den wechselnden Strassenbelag oder vorbeidonnernde LKWs als willkommene Abwechslung. Nach ein paar Tagen kennen uns alle Fernfahrer dieser Strecke und das Hupkonzert und begeisterte Winken motivieren jeweils für die nächsten paar Kilometer Langeweile.

Mit dem Rio Colorado überfahren wir die Grenze zu Patagonien. Seltsam, wie dieser Name ein Prickeln auf unserer Haut auslöst. Er tönt nach Abenteuer, nach Heldentaten und dem Ende der Welt. Doch das argentinische Patagonien ist anders. Hier herrscht der Wind. Ihm gehört dieses Land. Er zerfetzt unser Bewusstsein, reisst unsere Gedanken fort und lässt uns verstummen. Es folgen endlose Tage. Wir radeln oft acht und mehr Stunden am Tag, um uns nicht in den Distanzen zu verlieren. Nur noch alle hundert bis zweihundert Kilometer treffen wir auf riesige Tankstellen, wo wir gratis kampieren und manchmal sogar heiss duschen können. Jeden Morgen erwartet uns die selbe, schnurgerade Strasse, wir zählen Kilometer und Pedalumdrehungen. Unser Bewusstsein wird verschluckt, löst sich im Nichts auf. Wir fühlen uns klein und schutzlos. Man beginnt hier anders über das Leben zu denken.

Stein, jeder windschiefe, verknorrte Baum der dieser Unwirtlichkeit standhält, verdient Respekt. Als Symbole des Lebens und des ungebrochenen Willens werden sie für die Leute an der Ruta 3 zu Gedenkstätten an Gauchito Gil, den legendären argentininischen Gaucho, der den Unterdrückern getrotzt und den Schutzbedürftigen seines Landes beigestanden ist. Flatternde Gebetsfahnen und
rote Wunschbänder kennzeichnen die Stellen und sind Ausdruck von Hoffnung wie der Platz, der sie trägt. Manche erinnern an die Menschen, die ihr Leben an die Einsamkeit verloren haben und manche an die Einsamkeit der Reisenden selbst.
Als am vierten Tag Patagonien der Wind unseren Schnitt immer weiter unter 10 km/h drückt, haben wir das Nervenspiel satt. Mit tränenden Augen, tropfender Nase und gefühllosen Fingern stehen wir am Strassenrand und kapitulieren. Beim nächsten Fahrzeug halten wir den Daumen raus und legen die fünfundsiebzig Kilometer bis Carmen de Patagones windgeschützt in einem Pick-up zurück.

Am Tag darauf erwartet der Wind uns mit einer tollen Überraschung. Er wird zu unserem Verbündeten und bläst uns die hundertfünfundachzig Kilometer nach San Antonio an einem Tag. 300 Kilometer trennen uns nun noch von unserem Ziel, das treibt uns in den nächsten Tagen trotz erneutem Gegenwind vorwärts. So erreichen wir nach insgesamt dreizehn Tagen müde, aber ein bisschen stolz über unsere Leistung Puerto Pyramides. Wir haben uns dem patagonischen Wind gestellt und gewonnen. Ob er sich das gefallen lässt?

6. Oktober 2005 - 4350 Kilometer