Un sueno vivido

"Gracias por escribir, con gusto te doy la informacion que solicitas. El salar esta con poca agua, hay lugares secos pero no todo. Les invito a pasar por la agencia en Uyuni para tener mayor información. Buen viaje! Saludos cordiales, Colque Tours "

Wir lassen uns nicht zwei Mal bitten. Bereits am nächsten Tag steigen wir in den Bus und überbrücken so die zweihundertzwanzig staubigen Kilometer bis Uyuni. Dort besuchen wir nacheinander einige der vielen Tourenagenturen. Enttäuscht merken wir, dass wir als Velofahrer nur negative Informationen bekommen. Das Wasser stehe immer noch knietief, an eine Überquerung des Salars per Velo sei nur unter Lebensgefahr zu denken und viel besser und sicherer sei es doch eine Tour zu buchen. Unsere Moral sinkt schon wieder auf den Nullpunkt, als wir beschliessen unsere Taktik zu ändern. Von nun an sind wir toureninteressierte Touristen, die sich besorgt erkundigen, ob man denn aus dem Auto aussteigen könne, ohne nasse Füsse zu bekommen, schliesslich wolle man seine neuen Trekkingschuhe nicht gleich ruinieren. Kein Problem, lautet die prompte Antwort, der Salar sei fast überall trocken und Plätze im Jeep hätte es auch noch gerade für den nächsten Tag… So ein Zufall, aber geschäftstüchtig sind sie, die Bolivianer in Uyuni! Nun einigermassen beruhigt, decken wir uns auf dem Mercado mit Lebensmitteln und einem Paar billigen Turnschuhen ein und machen uns am nächsten Tag mit frischem Mut auf den Weg. Ein bisschen Wasser schreckt uns nicht und Umkehren werden wir dieses Mal nicht so rasch.
Bis Colchani folgen wir dem Bahngeleise, füllen dort unseren Wasserkanister und wechseln die Schuhe. Eine Piste führt uns an den Beginn des Salars, wo vermummte Salzarbeiter das Salz zu Hügeln zusammenscharren und auf Lastwagen verladen. Bald liegt der mühsame, sulzige Anfang hinter uns und wir stehen auf trockenem, steinhartem Salz. Vom Hotel de Sal folgen wir der Fahrspur der vielen Tourenautos gegen Westen zur Isla Incahuasi. Das weiche Abendlicht hebt die typischen Hexagonformen hervor, ein Wabenmuster, das sich unendlich weit über den ganzen Salar ausbreitet.

Die Zeltplatzsuche ist heute einfach. Etwas von der Fahrspur entfernt stellen wir unsere Bleibe auf und das Timing ist perfekt: Bald nach dem Sonnenuntergang steigt der Vollmond über den Horizont und die Salzkristalle beginnen zu glitzern wie Neuschnee. Mit dem Mond wird es aber auch rasch bitterkalt und wir verkriechen uns zufrieden in die Daunenschlafsäcke.
Am nächsten Morgen sind wir früh unterwegs, denn es liegen beinahe sechzig Kilometer bis zur Isla vor uns und den verschiedenen Auskünften zu Folge, müssen wir bis dahin mit ziemlicher Sicherheit wieder mit Wasser rechnen. Wir radeln los und sind froh über die Fahrspur, denn das natürliche Orientierungsgefühl lässt einem auf dieser weiten, eintönigen Fläche total im Stich. Immer wieder kommen wir an "Ojos" vorbei, Atemlöcher des unterirdischen Flusses unter dem Salar. Die blubbernden, bodenlosen Löcher wirken unheimlich. Wir fühlen uns wie auf einer gefrohrenen Eisdecke, mit dem Unterschied, dass das meterdicke Salz glücklicherweise trägt.
Plötzlich beginnts zu spritzen. Wasser, allerdings nicht höher als bis zu den Knöcheln. Die hilfreiche Fahrspur verliert sich und wir fahren nur noch nach Kompass. Mit voller Kraft treten wir durchs Nass und bald überziehen sich die Velos, die Packtaschen, die Schuhe und Hosen mit einer dicken, weissen Salzkruste. Die Lippen springen auf und die stechende Sonne vebrennt unsere Nasen.

Am Horizont erscheinen die ersten Inseln, einige heller, andere dunkler. Wir halten auf die dunkelste und nächste Insel zu, die allerdings lange Zeit einfach nicht grösser werden will. Erst gegen den späteren Nachmittag erreichen wir sie endlich, die "Insel der Inkas". Als wir um die Landzunge biegen, trifft uns fast der Schlag. Etwa zwanzig Tourenjeeps parkieren in der Bucht, Musik schallt aus den Lautsprechern und Touristen stehen in den peinlichsten Posen Modell für Fotos. Wir fahren gleich wieder rückwärts und warten in der stilleren Nebenbucht. Als Radler haben wir einen Bonus: Wir dürfen als einzige im Notfallrefugio auf der Insel übernachten. Gegen Abend kehren die Jeeps mit ihrer Fracht nach Uyuni zurück und wir sind alleine. Die Wanderung auf dem kleinen Rundweg, der uns an tausendzweihundert Jahre alten und zwölf Meter hohen Kakteen vorbeiführt ist eindrücklich, ein Wunder in dieser lebensfeindlichen Salzwüste. Glücklich schauen wir zu, wie die Sonne als doppelte, orangerote Kugel im spiegelnden Salzmeer versinkt und denken dabei mitleidig an die zurückgekarrten Touris. Um keinen Preis der Welt möchten wir jetzt mit einem Backpacker tauschen!
In der Nacht wecken uns lautes Donnergrollen und Wetterleuchten. Beunruhigend, denn wir wissen, dass ein heftiger Regenguss genügen würde, um uns von der weiteren Route abzuschneiden. Am nächsten Morgen hängen die Wolken über dem Horizont. Das Wasser ist etwas tiefer geworden, trotzdem fahren wir los. Wir ändern unsere Richtung und halten nordwärts, den Vulkan Tunupa als Orientierungs- und Peilpunkt vor Augen.

Der Himmel mit seinen tollen Wetterimpressionen spiegelt sich im Wasser. Wir radeln durch Wolken, in der grenzenlosen Weite des Himmels. Je mehr wir uns dem Vulkan nähern, desto tiefer wird das Wasser. Was die hundertprozentige Salzlösung mit unserem Tretlager anrichten mag, wollen wir lieber gar nicht wissen. Das Wassertreten zehrt langsam an unseren Kräften, die Beine werden schwer, immer öfter halten wir an. Wie die Kielspur eines Schiffes liegt hinter uns der geradelte Weg, die Isla Incahuasi nur noch als kleiner Punkt erkennbar – und plötzlich hat sie das Nichts verschluckt. Ein gelebter Traum, jetzt für immer Erinnerung.

Salinas de Garcia Mendoza erweitert unseren geografischen Horizont. Obschon unsere Karte anderer Meinung ist, wissen die Leute hier von einem Weg, der um den wasserreichen Salar de Coipasa herum in den Norden zu den chilenischen Nationalpärken führen soll. Wir glauben das sofort, denn dort wollen wir hin.
Die Ruta Intersalar ist vorerst sogar beschildert und gut fahrbar. Am Abend erreichen wir das kleine Dorf Luca, wo wir vom Fleck weg von Lidia und ihrem Mann Daniel zum Übernachten und Frühstücken eingeladen werden. Mit einem Teller Karotten, gefriergetrockneten Kartoffeln, Teigwaren und Kutteln auf dem Schoss sitzen wir in ihrer einfachen Hütte. Während wir etwas an diesem ungewohnten Morgenanfang würgen – schliesslich waren wir mal Vegetarier – gibt uns Daniel einen spannenden Einblick ins Leben und die Traditionen der Aymara, eine der grossen ethnischen Gruppen Boliviens. Erst gegen Mittag verabschieden wir uns von ihnen und radeln aufgestellt von der herzlichen Begegnung los.
Leider bleibt der Tag nicht so gut, wie er angefangen hat. Die Piste verwandelt sich in einen Sandkasten. Mühsam und mit aller Kraft schieben wir unsere vollbepackten Räder durch den knöcheltiefen Sand. Einziger Trost sind die roten und gelben Quinoafelder, die hier der Ernte entgegen reifen und der sonst öden Landschaft etwas Farbe verleihen. Schliesslich beginnt es auch noch zu hageln und ziemlich deprimiert und erschöpft stellen wir unser Zelt bei Nachteinbruch nur dreissig Kilometer weiter als am Morgen auf. Ob sich die Abkürzung als böses Eigentor herausstellt?

Am nächsten Tag erreichen wir schiebend Tres Cruzes, ein weiteres kleines Dorf und oh Wunder – der Weg wird endlich wieder fahrbar. Leider stehen wir immer wieder vor unbeschilderten Abzweigungen. Da hilft nur aufs Glück vertrauen und nach Himmelsrichtung fahren. Es klappt, irgendwie schaffen wir es auf dem richtigen Weg zu bleiben und erreichen am Abend ein kleines Campamento. Der Mann, der dort angeblich von seinen Lamas lebt, lässt uns neben seinem Lehmhäuschen kampieren. Ein bescheidenes Leben, ohne viel Besitz, im hintersten und vergessensten Winkel Boliviens, hundert Meter neben der unbewachten chilenischen Grenze. Erstaunlich für uns nur das nigelnagelneue, vollgefederte Bike, das in seinem Vorhof steht. Entwicklungshilfe? Wohl eher nicht, denn als es finster wird, knattert ein vermummter Motorradfahrer vor, lädt sich das Gefährt auf den Rücken und verschwindet in der Nacht. Wo der mit seiner Lieferung zu so später Stunde noch hinwill? Der offensichtliche Schmugglerpfad zwischen Chile und Bolivien scheint nur auf dem Papier in Vergessenheit geraten zu sein…

Am nächsten Morgen passieren wir sie dann auch, die grüne Grenze. Gegen Abend erreichen wir das wieder auf bolivianischem Boden liegende Pisiga, den offiziellen Grenzübergang zu Chile. Die letzten Kilometer waren der Horror. Pfade, die in alle Himmelsrichtungen verliefen, Salzschlamm, der die Räder einleimte, Sand, Wellblech und als Dessert stürmischer Gegenwind lassen uns das hässliche Grenzkaff nicht schöner erscheinen. Graue Baracken reihen sich aneinder, Staub und Dreck allüberall, unfreundliche Menschen, die uns nach den herzlichen Aymara frustrieren. Hier wollen wir unseren benötigten Ruhetag nicht verbringen. Wir deponieren unsere Velos und das Gepäck im Residencial, besteigen am nächsten Morgen den Bus und brettern in vier Stunden von 4000 Metern hinunter ans Meer. Die chilenische Hafenstadt Iquique ist genau das, was uns nach einem Monat Bolivien gefehlt hat. Als erstes steuern wir den Mac Donald an, als zweitens die riesengrosse Shopping Mall und zuletzt werfen wir uns voller Zufriedenheit mit einer Toblerone aus der Gesundheitsabteilung der Farmacia und einer Züpfe von der Panaderia Suiza an den Strand. Viel zu schnell geht es zurück auf den Altiplano. Den eingekauften Proviant deponieren wir vorsorglich an der chilenischen Grenze, um bei der nachmittäglichen Wiedereinreise nicht etwa unsere Kostbarkeiten an einen übereifrigen Grenzbeamten zu verlieren. Der Plan klappt, doch der antiquitierte Zöllner wurde sorgfältig ausgebildet und hat noch andere Schikanen auf Lager. Mangels Esswaren stürzt er sich nun auf die Besitzpapiere unserer Räder, denn die könnten ja Schmugglergut sein! Ohne ein offizielles Grenzformular, getippt nach seiner vergilbten Vorlage dürfen wir nicht weiter. Er scheint der einzige zu sein, der Chiles Grenzbestimmungen noch richtig kennt und ordentlich durchsetzt - ein Jammer, dass seine Fähigkeiten an diesem abgelegenen Posten so unbeachtet verkümmern… Bienvenidos en Chile – zum letzten Mal!

Mit überquellenden Packtaschen und zentnerschweren
Velos brechen wir in Richtung der chilenischen Nationalpärke auf. Etwas betreten kommen wir keuchend zum Schluss, dass wir es in der Begeisterung vielleicht doch ein bisschen mit Einkaufen übertrieben haben. Wir biegen von der Teerstrasse ab Richtung Isluganationalpark. Die Räder rollen gut auf der chilenischen Erdpiste und als wir den ersten simplen grünen Wegweiser sehen, kippen wir fast vom Rad vor Schreck. Früher haben wir uns ja über die chilenische Schilderwut lustig gemacht, doch nach der bolivianischen Orientierungslosigkeit finden wir sie einfach nur noch toll. Sogar die Thermen sind markiert, wo wir unter einem gedeckten Zeltplatz die Nacht verbringen.

Die nächsten Tage fahren wir auf einsamen Pisten durch wilde, unberührte Natur nordwärts, als einzige Reisebegleiter Vicuñas, Flamingos und Vizcachas, rauchende Vulkane am Morgen, furchterregende Gewitter am Nachmittag, heisse Quellen am Abend. Vor allem diejenigen am Salar de Surire schwefeln mit Wucht, trotzdem sind sie der Hammer. Als wir am Morgen aus dem Zelt schnüffeln, sehen wir kaum weiter als einen Meter. Weisser Dampf wabert durch die Luft, steigt als meterhohe Säulen hinauf zu den Wolken. Der ganze Salar scheint zu kochen. Wir schätzen das Wasser auf mindestens 45 Grad, die Haut wird innerhalb von Sekunden knallrot und das Herz beginnt zu rasen – Kreislauftrainig auf 4300 Meter!

Die Strecke wird je nördlicher je schöner, doch die Gewitter machen uns von Tag zu Tag mehr zu schaffen. Mal abgesehen von der Angst geröstet zu werden, steigt der Wasserpegel der Flüsse innerhalb weniger Stunden
fast um das Doppelte. Durch die zahlreichen Furten mit starker Strömung und eiskaltem Wasser werden wir fast adrenalinsüchtig. Nicht nur die Zöllner scheinen im Norden etwas anders gepolt zu sein als die restlichen Chilenen. Anstatt gewohnheitsgemäss verlegt, ragen die Brückenrohre auf dieser Strecke halb eingebuddelt neben dem Bachbett aus dem Boden – als Sitzbank zum Füssetrocknen natürlich...
Nach vier anstrengenden Tagen liegen die Reserva natural Vicuña und der Parque Nacional Lauca hinter uns und wir sind überglücklich bei Chungara auf die Asphaltstrasse nach Bolivien zu treffen. Die Euphorie über den Teer dauert allerdings nur kurz. Wir sind es einfach nicht mehr gewöhnt, stumpfsinnig geradeaus zu fahren und Kilometer um Kilometer abzupedalen. Uns fehlt der Nervenkitzel – sind wir vielleicht doch süchtig? Bald schon haben wir Entzugserscheinungen: Nacken verspannen sich, Knies beginnen sich zu entzünden und der Hintern schmerzt. Wir wollen nur noch ankommen. Nach drei Tagen sind die dreihundert Kilometer im Windkanal geschafft: La Paz liegt vor uns – und dank Chile haben wir nicht einmal Hunger.

1. April 2006 - 12 050 Kilometer