Bienvenidos

Unsere Südamerikareise beginnt gut. Nach fünfzehn Stunden Flug kommen wir müde in Asunción an, wo wir die Gepäckstücke vollzählig in Empfang nehmen können. Unser nächster Gedanke gilt dem Geldwechsel. Kein Problem, um die Ecke steht sogar ein Automat mit Plus- Kleber. So wollen wir doch noch ein letztes Mal Gebrauch machen von unserer bewährten gelben Postcard. Der erste Hinweis auf dem Bildschirm macht uns ein bisschen misstrauisch - «sollte die Karte geschluckt werden, so kontaktieren Sie die Interbanco auf folgende Telefonnummer...» - doch die zwei Sekunden reichen nicht aus, um sich die Nummer zu merken, und so frisst halt der Geldwechsler unser Kärtchen ohne Geld auszuspucken. Ein Sicherheitsbeamter hilft uns weiter, doch ohne Erfolg. Die Karte bleibt wo sie ist und dem Geldautomaten wünschen wir ein schmerzhaftes Bauchgrimmen an der unverdienten Kost. Bienvenidos en America del Sur – auf dem Kontinent des sorgenfreien Reisens!
Wir radeln in die Stadt, wo wir an einer Strassenkreuzung Freundschaft mit einem Motorradfahrer schliessen, der uns spontan zu unserem Hotel lotst und sich vor lauter Begeisterung über sein Land kaum halten kann. Que lindo!

So bleibt es auch in den nächsten Tagen. Die Paraguayaner begegnen uns freundlich und hilfsbereit. Obwohl wir noch etwas radebrechen mit der spanischen Sprache, führen guter Wille und Geduld doch immer zum Ziel. Wir finden sichere Übernachtungsplätze bei Schulen, Privatleuten oder einfachen Hospedajes und machen erste Bekanntschaft mit der gefürchteten Elektrodusche. Das warme Wasser strömt hier aus einer verkabelten Brause und wer nicht als Zitteral enden will, tut gut daran Flipflops überzustreifen, um die mangelnde Isolation an den Drähten etwas auszugleichen.
Obwohl uns die Leute weissmachen, dass aktuell kühles Winterwetter herrsche, verdampfen wir doch literweise unter den für uns zweifellos hochsommerlichen Temperaturen. Doch nicht nur die brennende Mittagsonne bringt uns zum Keuchen, sondern viel mehr unsere Untrainiertheit kombiniert mit ein paar Kilo Übergepäck. Aller Anfang ist Schweiss...
Auf der Hügelrute nach Ciudad del Este ist der Name Programm. Sanfte Hügel reihen sich aneinander, ein gleichmässiges Auf und Ab und bei jedem weiteren „Auf" verfluchen wir die Idee einen Weltempfänger mitzuschleppen und wozu verdammt noch mal brauchen wir zehn Reserveheringe? Wir sind auch überzeugt, dass es nur an den Sandalen im Gepäck liegt, dass wir schon am Mittag nicht mehr treten mögen.

Die rasenden Camionetas lassen uns immer wieder fluchtartig auf den Seitenstreifen ausweichen, der in regelmässigen Abständen mit Hallo-Wach-Querrillen versehen ist, die uns entweder fast vom Sattel hauen oder die Bremsen zum Quitschen bringen. Auf die wütend geschüttelte Faust reagieren die Fahrer bloss mit einem breiten Grinsen. Wir lernen: Radfahrer haben auf südamerikanischen Strassen nichts zu melden.
Zum Mittagessen suchen wir uns schmackhafte Empanadas, von denen wir zum Schmunzeln der Einheimischen zwölf Stück verdrücken und immer noch nicht genug haben. Nach fünf Tagen und 350 Kilometern überqueren wir die Grenze zu Brasilien und lassen das gastfreundliche Paraguay als gut gewähltes Einstiegsland hinter uns. Bevor uns der Zollbeamte den Einreisestempel in den Pass drückt, fragt er nach unseren nächsten Zielen. Als wir ihm von Buenos Aires und Feuerland vorschwärmen, gibt es für ihn nur zwei logische Schlussfolgerungen: Entweder wir werden dafür bezahlt oder erfüllen das Versprechen einer Pilgerreise. Die Vorstellung, eine solche Strecke freiwillig zu radeln, erscheint ihm unbegreiflich. Kopfschüttelnd wünscht er uns eine gute Reise.
Foz do Iguazu ist eine Stadt, die keine Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, doch als Startpunkt für den Besuch der weltberühmten Iguazuwasserfälle von Travellern aus aller Welt bevölkert wird. Bevor wir uns zum Naturwunder aufmachen, steht aber noch ein Besuch auf der Post an. Genug geflucht über überflüssiges Gepäck, die erste Sendung nach Hause steht an. Erstaunlich unkompliziert können wir unser Paket aufgeben, merken allerdings etwas spät, dass es uns billiger gekommen wäre, das Zeug zu verschenken und in der Schweiz neu zu kaufen, statt 80 Real Porto zu zahlen. Egal, wenigstens die blöden Sandalen sind jetzt weg – das Radfahren wird uns in Zukunft wie fliegen vorkommen...

Die gigantischen Cataratas schlagen uns von der ersten Minute an in ihren Bann. Es hat zwar für unseren Geschmack etwas viele Touristen und das Fastfoodrestaurant gleich am Fluss ist eher bequem als passend, doch das Lichtspiel, die tosenden Wassermassen und zarten Regenbögen, die die Sonne über die Schlucht zaubert, faszinieren uns. Laufstege führen direkt in die Teufelsküchen der Wasserwirbel, innerhalb weniger Minuten sind wir und die Kamera klatschnass. Doch das ist kein Problem für die warme brasilianische Sonne: Alles wird in kurzer Zeit wieder trocken, als wir uns inmitten von farbenprächtigen Schmetterlingsschwärmen ein Mittagsschläfchen gönnen.
In Porto Iguazu schnuppern wir das erste Mal argentinische Pistenluft und holpern auf einer nicht allzu schlechten Lehmpiste mitten durch den Nationalpark von Iguazu. Leider sehen wir keinen Jaguar, obwohl uns alle Angst davor einjagen. Vor fünfzehn Jahren seien scheinbar nur noch die Schuhe eines Radfahrers übrig geblieben... Bei allem Respekt vor Jaguars können wir diese Story nicht ganz glauben und vermuten eher, dass der entsprechende Radler an einem schönen Mittag dem enormen psychischen Druck, den das zweite paar Schuhe im Gepäck auf den unkonditionierten Fahrer ausübten, erlag (ist alles schon vorgekommen...) und sich kurzum der unnützen Last entledigte. Und wenn schon, hat sich das Biest seine Zähne ja wohl am letzten Fahrrad bereits ausgebissen.

Der erneute Grenzübertritt nach Brasilien wird kompliziert. Der Übergang ist zwar offen, doch die Zollbeamten scheinen den Einreisestempel verlegt zu haben und wir sind gezwungen hundert Kilometer Umweg über Barraçao in Kauf zu nehmen um legal einreisen zu können. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten geniessen wir das neue Land in vollen Zügen - bis die brasilianischen Eisheiligen zuschlagen. Die Temperaturen sinken drastisch und wir greifen zum ersten Mal auf unsere Winterausrüstung zurück. Mit Mütze und Handschuhen durchradeln wir die südlichen Provinzen Parana und Santa Catarina mit dem Ziel Florianopolis vor Augen.
Die Landschaft versinkt in Grau. Hügel reiht sich an Hügel und die angepflanzten Pinienwälder mit Moorseen erinnern an den europäischen Norden. Am ersten Abend nach dem Kältesturz finden wir Unterschlupf in einer alten Turnhalle neben einer kleinen Kirche. Die nächsten Häuser liegen etwas entfernt und so beschliessen wir still (Metalltüre aufbrechen) und heimlich (zwei vollbepackte Räder zum Torspalt reinwürgen) unser Nachtlager im Trockenen aufzuschlagen. Als die Dunkelheit hereinbricht, der Wind durch die zerschlagenen Fensterscheiben pfeift und am verrosteten Eisendach rüttelt, verwandelt sich unser vermeintlich gemütlicher Nachtplatz in ein Gruselkabinett. Wir machen die ganze Nacht kaum ein Auge zu. Stattdessen überlegen wir, was wir sagen, wenn plötzlich ein Gaucho mit Gewehr hereinstürzt. Der Satz über der Kirchentüre scheint uns am geeignetsten zu sein und so üben wir um im Notfall «Unidos em Cristos» zu rufen. Glücklicherweise fällt der gefürchtete Gauchoauftritt aus, doch am nächsten Morgen sind wir so müde, dass das dauernde Rauf und Runter ziemlich kräftezehrend wird.

Nach drei Tagen Richtung Florianopolis bricht die Sonne durch die graue Decke und wir können uns endlich wieder erwärmen. Auch die Umgebung ändert sich. Die Pinienplantagen und Sägereien der Holzindustrien weichen natürlichem Wald. Wir erreichen Rio do Sul. Von dort aus fliesst ein Fluss direkt ins Meer. Endlich geht es bergab, dreissig Kilometer Talfahrt bringen uns in Schwung und trösten über die bitterkalten Tage hinweg. Das einzige, was nun noch unsere Reiselaune trüben kann, ist der dichte Verkehr der vielbefahrenen Route ans Meer und Brigittes Schmerzen, die ihr seit Beginn des feuchtkalten Wetters im Nacken sitzen.
Pünktlich zum schweizerischen Schulbeginn erreichen wir Blumenau. Schon der Name lässts erahnen: eine kleine Stadt mit deutschen Wurzeln. Bald lachen uns von den echt nachgemachten Fachwerkstilhäusern Plakate mit blauäugigen, blonden Dirndlmädchen und bierkrugschwenkenden Hosenträgerkerlchen entgegen - Werbung für das kommende zünftige «Oktoberfest». Strassennamen wie «Alte Wurststrasse» setzen dem für uns zu Beginn lustigen, später eher lächerlich wirkenden «Hallo-Deutschland-Klamauk» das i-Tüpfchen auf. Am nächsten Tag schmerzt Brigittes Nacken vom «echt deutschen Kopfsteinpflaster» dermassen, dass wir die letzten Kilometer bis Florianopolis im Bus zurücklegen müssen. In der allseits gerühmten Distrikthauptstadt erhoffen wir uns eine gute Apotheke und ein paar geruhsame Tage an den Stränden der Ilha Catarina.

Florianopolis pulsierende Fussgängerzone schluckt uns
nach den ersten paar Schritten Richtung Zentrum. Fliegende Händler mit herrlich duftenden Popcornwägelchen, Braten- und Pommesfritesgeruch aus den Imbissbuden lassen unsere Mägen knurren und wir merken wie hungrig wir sind. Zeit, um das alles in Ruhe zu geniessen bleibt uns nicht lange, denn es dunkelt ein. Wir suchen krampfhaft ein günstiges Hotel, doch anscheinend ist hier in der Downtown nichts unter drei Sternen zu haben. Alle Touristen werden gleich an die Strände der Nordostküste verfrachtet, wenn sich denn überhaupt welche in der Winterzeit hierher verirren.

Irgendwann vor einem, durch das lange Suchen auch nicht billiger gewordenen Hotel, spricht uns ein sympathisch wirkender Mann in Krawatte auf Spanisch an. Als er unser Problem der zu teuren Unterkünfte zu hören bekommt, lädt er uns spontan ein, doch die Nacht bei seiner Familie zu verbringen. Er habe zwei chicos in unserem Alter und da er selber viel gereist sei, kenne er unser Problem. Verdutzt nehmen wir das Angebot an. Wer nichts wagt, gewinnt nichts - und der Mann mit Anzug und Aktenkoffer sieht nun wirklich nicht wie ein Verbrecher aus. Aus der Nacht werden fünf Tage, die wir bei der herzlichen Familie verbringen. Den Tag über erkunden wir die herrlichen Strände und lassen uns den Pescado in den Fischerdörfern schmecken. Am Abend unterhält uns Daniel mit seinem theatralischen Geschick und lustigen Geschichten von seinen Südamerikareisen. Nebenbei lernen wir viel Spanisch und geniessen die ausführliche Beratung für den weiteren Verlauf unserer Reise. Eine unvergessliche Begegnung, die in ihrer Herzlichkeit wohl kaum überboten werden kann.

20. August 2005 -1300 Kilometer