Cordillera Huayhuash

Unser Esel röchelt. Kein Mensch weiss, ob ihm die dünne Höhenluft der peruanischen Schneegipfel, der zittrige Saumpfad vor ihm oder sein jahrelanges Herumhängen im Esel- Ruhestand zu schaffen macht. Wir tippen auf letzteres und beginnen kräftig von Hinten zu schieben. Einen Esel mitten in Südamerika einen Andenpass hochschieben – das ist mal was ganz anderes. Obwohl, wenn man’s genau nimmt: Wir verbringen unsere Reisen noch ab und zu schiebend.

Vor zwei Wochen sind wir mit unseren bepackten Tourenfahrrädern in Lima, der grauen Hauptstadt von Peru gestartet. Das halbe Land steht bei unserer Ankunft im Streik. Die Lehrer kämpfen für mehr Lohn, die Bauern für staatliche Unterstützung und die Taxifahrer, weil es zu diesem Zeitpunkt einfach zum guten Ton gehört. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, sperren sie alle wichtigen Verkehrswege, und die Polizei rüstet sich für die kommenden Strassenschlachten. Eine gemütliche Ankunft. Bienvenidos a Peru.
Uns bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Bus in die Hafenstadt Chimbote in Perus Norden zu brettern, und den Anstieg in die Berge über den einzigen Zugang in Angriff zu nehmen, der von der Streikwelle verschont geblieben ist. Der Weg durch den Canon del Pato, ein strassenbautechnisches Meisterwerk mit siebenunddreissig stockdunklen Tunnels, katapultiert uns in drei Tagen auf die gewünschten 3000 Meter Höhe ins Callejon de Huaylas und damit in den Nationalpark der Cordillera Blanca.
Weisse Spitzen, 5000 Meter hohe Pässe, abgeschiedene Bergpisten und eine einmalige Tier- und Pflanzenwelt: Eine Region der Superlative. In Huaraz, dem touristischen Hauptort der Region suchen wir Kartenmaterial und gönnen unseren untrainierten Muskeln eine Erholungspause. Nach zwei Tagen starten wir dann zur „Vuelta al Huascaran“. Der Nevado de Huascaran ist mit 6’768 Meter der höchste Berg Perus und mit seiner gleissenden Eiskappe das Wahrzeichen der Region. Diesen Gipfel mit unseren Fahrrädern zu umrunden – das ist unser Ziel.

In Yungay zweigt die Piste zum Portachuelo Llanganuco ab. In grossen Schlaufen steigen wir langsam aus dem Tal des Rio Santa zu den Lagunas de Llanganuco auf. Die zwei türkisgrünen Bergseen tronen am Fuss einer rauen Passstrasse, die sich in zahlreichen Windungen auf 4900 Meter schraubt. Die Serpentinen sind ausgegurkt, der Sauerstoff knapp, aber das Panorama grandios. Der aufkommende Wind riecht nach Schnee. Nach einem harten Anstieg, einer klirrend kalten Nacht in der Höhe und einer rauschenden Abfahrt erreichen wir am zweiten Tag Yanama, ein hübsches Bergdorf. Kunstvoll beschnitzte Holzhäuser und buntes südamerikanisches Markttreiben laden zum Verweilen ein. Ein Peru aus dem Bilderbuch, das uns auch in den nächsten Tagen auf unserer weiteren Fahrt begleitet. Immer wieder ergeben sich herzliche Kontakte mit Menschen am Strassenrand, die uns nach dem Woher und Wohin unserer Reise fragen. Oft bringen uns ihre Reaktionen zum Lachen. „La punta Olimpica? En bicicleta? La senorita tambien? Pero es lejos!“ Ja, wirklich, über den nächsten Pass wollen wir und die Senorita schafft das auch, die ist nämlich zäher, als sie aussieht.
Ehrlicherweise müssen wir aber zugeben, dass die Punta Olimpica wirklich alles von uns fordert. Wäre Pässefahren Teil der olympischen Spiele – hier müsste der Wettkampf stattfinden. Die Piste ist brutal schlecht, mit teils fussballgrossen Steinen, und das Wetter eine Hexenküche. Doch gerade unter solchen Bedingungen ist das Erreichen der Passhöhe jeweils ein unbeschreibliches Gefühl, der Stolz es aus eigener Kraft geschafft zu haben – auch wenn es dieses Mal mehr schiebend als fahrend war.
Hätten wir damals gewusst, dass wir ein paar Tage später in der Cordillera Huayhuash, der Nachbarskordillere der Cordillera Blanca, anstelle unserer Drahtesel einen richtigen, etwas aus der Übung gekommenen Esel auf diese Höhe befördern müssen, wäre unser Hochgefühl wohl rasch verflogen.

In Llamac haben wir das gutmütige Grautier aufgegabelt, stolzer Besitz von Doña Higinia. Fünf Tage lang haben wir gesucht. Zuerst in Huaraz, von wo aus alle geführten Trecks in dieses Gebirge organisiert werden, dann zwei Tage in diesem verschlafenen Nest, das den Ausgangspunkt für die zehntägige Huayhuash Runde bildet. Natürlich war niemand gewillt, für die ausgefallene Idee einer self-guided Tour von zwei verrückten Gringos sein geliebtes Tier aus den Händen zu geben, obschon wir die nötige Ausrüstung fürs Hochgebirge und genaues Kartenmaterial für dieses Gebiet vorweisen konnten. Auch mit dem Argument, dass wir während einer einjährigen Südamerika-Veloreise des öfteren in unwirtlichen Regionen und in der Höhe alleine unterwegs gewesen waren und über die nötige Erfahrung verfügen, können wir niemanden für unser Projekt begeistern. Erst als wir versprechen, bei einem Verlust des Esels den Verkaufspreis von 120 U$ zu berappen, kommt die Angelegenheit langsam in Schwung. Aber weil ein Esel halt doch etwas anders zu handhaben ist als ein Fahrrad, und auch vom technischen Standpunkt her nicht ganz gleich beurteilt werden kann, stehen wir nun auf 5000 Metern ziemlich im Schilf.

Unser Esel ist nicht fit. Bei jedem neuen Anstieg beten wir, dass das Herz dieses bis vor wenigen Tagen noch ausrangierten Tieres die Höhenmeter aushält. Da wir als Eseltreibergreenhorns keine Ahnung haben, was man in einem solchen Fall macht, bleibt uns nichts anderes übrig, als auf unseren eigenen Erfahrungsschatz zurückzugreifen. Ausgepowerte Biker brauchen Energieriegel. Uns ist klar, eine Karotte muss her. Eine halbe Ewigkeit kaut der Esel darauf herum, sabbert. was das Zeug hält, bringt aber keinen Bissen runter. Wahrscheinlich fehlen ihm dazu schlicht und einfach die Zähne. Doch so schnell geben wir nicht auf und testen die Anwendung von Hafer. Der peruanische Kardiologenverband empfiehlt der Bevölkerung eine tägliche Portion Haferflocken zur Senkung des Cholesterinspiegels und damit zur Vorbeugung von Herzinfarkten - genau das richtige für einen Eselgrossvater. Und tatsächlich: Avena Quaker wirkt Wunder. Unser Esel entdeckt den zweiten Frühling. Am nächsten Tag ist er im Laufschritt unterwegs und wir hängen uns an die Zügel, um ihn zu bremsen. Der Werbespot wäre Gold wert, doch leider erfährt Avena Quaker nie etwas davon, denn eine unerwähnte Nebenwirkung der Therapie macht uns schon bald zu schaffen.
Hafer stärkt nämlich nicht nur das Herz, sondern auch den eigenen Willen. Bald klaffen unsere Vorstellungen unüberbrückbar auseinander – wahrscheinlich weil auch wir jeden Morgen eine Pfanne voll Haferbrei zum Frühstück verdrücken... Während für uns eine „Fresspause“ pro Tag reicht, ist unser grauer Freund der Meinung, im Fünfminutentakt wäre ein Maul voll Gras fällig. Alles gute Zureden nützt nichts. Unser Esel ist nicht nur steinalt, sondern auch saustur.

Die Cordillera Huayhuash ist mit dreissig Kilometern Länge eigentlich ein eher kleines Gebirge. Trotzdem erheben sich hier die höchsten Spitzen der Anden. Bis auf eine Höhe von 7000 Meter reichen die gewaltigen Gipfel; eis- und schneebedeckte Felstürme, Kulisse für Bergsteigereuphorie und Kletterdramen wie „Touching the void“. Der Huayhuash Trek führt in hundertachzig Kilometern einmal um den ganzen Gebirgszug. Täglich wird ein Pass über 4000 Meter überwunden. Das Gebiet ist nur durch Fusswege zugänglich und es leben wenige Menschen hier. Ab und zu kommen wir an kleinen runden Steinhäusern vorbei oder sehen am gegenüberliegenden Hang eine Hirtin ihre Schafe hüten. Obwohl seit Jahren Bemühungen laufen, das einmalige Gebiet unter Naturschutz zu stellen, ist es nach wie vor nicht als Nationalpark anerkannt. Daher beginnt sich die einheimische Bevölkerung nun selber zu organisiern. An jeder Gemeindegrenze steht jemand, der den Eintritt für den folgenden Tag einzieht. Dieses Geld wird für den Unterhalt der Wege und der Biwakplätze genutzt und kommt so auf direktem Weg jenen zu Gute, die es auch verdienen.

Obwohl wir in der Hauptsaison unterwegs sind, treffen wir kaum auf andere Trekker. Das Gebiet wird auch in den Tourenbüros von Huaraz noch als besonderes Erlebnis gehandelt und im gleichen Atemzug mit dem Himalaya genannt. Wie lange sich die Einsamkeit noch halten wird, steht jedoch in den Sternen. Klar ist allerdings, dass ein grösserer Touristenstrom ein ökologisches Fiasko mit sich bringen wird. Die Camps sind rudimentär eingerichtet – eine organisierte Abfallentsorgung gibt es nicht. Die Touristen werden zwar angehalten, alles wieder mitzunehmen, was sie in die Region hineintragen, aber das scheint in der Praxis nicht immer zu funktionieren. Es bleibt zu hoffen, dass die Wanderer ihre Verantwortung ernst nehmen und Peru rechtzeitig handelt und es schafft, den Charme und die Wildnis der Cordillera Huayhuash zu bewahren.

Unser Turboesel bleibt uns erhalten und so ist unsere Tour bereits nach acht, anstatt der vorgesehenen zehn Trekkingtage zu Ende. Mit schmerzenden Füssen und einem putzmunteren Langohr erreichen wir Llamac. Dona Higina begrüsst uns eher zurückhaltend – wahrscheinlich wären ihr die 120$ lieber gewesen als unser durchtrainierter Esel. Beim Nachtessen taut sie dann aber wieder auf und erzählt uns von ihren Zukunftsplänen. Gemeinsam mit ihrem Sohn möchte sie ein eigenes Tourenbüro eröffnen und kleine Gruppen von Trekkern persönlich begleiten. Die Konkurrenz ist riesig, aber gerade deshalb wünschen wir ihr, dass sie ihr Ziel erreichen wird. Uns hat die zierliche Frau mit dem schwarzen Zopf unter dem verbeulten Hut Eindruck gemacht.
Über einen letzten 4000er Pass verlassen wir die Cordillera Huayhuash – auch diesmal schiebend, aber nun wieder mit unseren Drahteseln und der Gewissheit, sie lebend auf die andere Seite zu bringen. Auf der Passhöhe wirbeln Schneeflocken und als wir einen letzten Blick zurückwerfen, leuchtet die zerklüftete Bergkette in einem unwirklichen Licht auf, während sich rundum schwarze Sturmwolken türmen: Wild, abweisend, einsam - unbeschreiblich.