Cap Masoala

Ein Jahr ist seit unserer ersten Madagaskarreise vergangen, doch der rote Staub auf den Fahrradtaschen ist nie ganz verschwunden. Wie unsere Erinnerungen an diese faszinierende Insel an der Südspitze Afrikas hat er sich unauslöschlich in den Stoff gebrannt, um uns immerzu an unser Versprechen der Rückkehr zu erinnern. Nun denn: Bringen wir ihn wieder nach Madagaskar zurück!

Der Fahrtwind rauscht uns in den Ohren und mit dem verbleibenden Schwung sausen wir über die nächste Hügelkuppe des östlichen Hochlandes. Reisterassen, unsere Altbekannten, dazwischen Farbkleckse, Einheimische bei der Arbeit auf ihren Feldern. Bananenstauden und Holzhütten, auf den Hügeln vereinzelte Reste, des sich einst über das ganze Gebiet ausbreitenden Regenwaldes. So präsentiert sich uns Madagaskar in den ersten Tagen unserer Reise zur Masoalahalbinsel. Durch die Schlagzeilen der neuen Masoalahalle in Zürich sind wir auf diesen Flecken ursprünglichen Regenwald aufmerksam geworden und haben beschlossen, gleich mal selber nachzuschauen, was es dort so Spektakuläres zu sehen gibt. In flottem Tempo radeln wir der Hafenstadt Toamasina entgegen. Die Strasse bis dort ist hervorragend geteert, ist sie doch die Verbindungsstrecke der Hauptstadt zur einzigen Erdölraffinerie des Landes. Dementsprechend oft bleiben wir hustend in den schwarzen Abgaswolken der zahlreichen Versorgungslastwagen stehen, und nach ein paar Tagen begrüssen uns die immer gleichen Chauffeure mit fröhlichem Gehupe.

Wir kommen rasch vorwärts, lassen Toamasina in seinem Schmutz links liegen und erreichen bald das kleine Nest Soanierana-Ivongo, von wo aus wir mit einem Boot auf die Insel Nosy Boraha übersetzen möchten. Nachdem wir die Billette gekauft haben, werden wir aufs Polizeibüro verfrachtet. Ein Beamter tippt dort unseren ganzen Pass mit einer vorsintflutlichen Schreibmaschine sorgfältig ab. Falls das Boot nämlich sinken sollte, möchten die Behörden doch wenigstens unsere Angehörigen über den Untergang informieren können, klärt er uns auf. Die Bemerkung stärkt unser Vertrauen in das klapprige Holzboot nicht gerade. Mutig nehmen wir mit etwa zwanzig madagassischen Fahrgästen in dem Kutter Platz und hoffen, dass die verteilten Schwimmwesten nicht zum Einsatz kommen. Wider Erwarten geht alles gut und die kleine Insel verwöhnt uns mit traumhaften Sandstränden, märchenhaften Kokospalmen und einer wundervollen Küche. Nach drei Ausspanntagen fällt der Abschied schwer.

Wir verlassen das Inselparadies auf einem heillos überladenen und halb verrosteten Frachtschiff und hoffen, dass wir in Mananara und nicht direkt in der Hölle landen. Die nächsten acht Stunden tuckern wir dahin und wenn wir nicht gerade unsere revoltierenden Mägen zu beruhigen versuchen, beobachten wir unruhig die Madagassen, die sorglos auf zwanzig gefüllten Benzinfässern Zigaretten rauchen. Die Ostküste ist bekannt für ihre zahlreichen Frachtschiffhavarien. Weil die Piste an der Küste entlang in miserablem Zustand ist, bleibt hier nur der Transport per Flugzeug oder dem Frachtschiff. Oft bis zum Bersten vollgestopft und ohne Sicherheitsvorkehrungen tuckern dann diese Rosthaufen die Küste bis in die Dschungelstadt Maroantsetra hoch. Wir sind uns der Gefahr wohlbewusst. Will man aber zur Masoala Halbinsel gelangen, ist die Anreise so oder so ein Abenteuer und das Flugzeug kommt für uns nicht in Frage. So wählen wir den Mix aus Schifffahrt und Velotrip. Nach einem Tag auf hoher See haben wir das schlimmste Pistenstück umschifft und lassen uns am Festland absetzen, froh wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.

Am nächsten Morgen erhandeln wir Proviant für die kommenden vier Tage, denn nach wie vor liegen 112 Kilometer bis Maroantsetra vor uns. Wie immer beginnt es relativ gut. Doch wir haben von Madagaskar einiges
gelernt und warten auf Schlimmeres. Die Piste ist so breit, dass wir den schlammigen Pfützen ohne Probleme ausweichen können. An den grossen Flüssen stehen Einbäume, die uns mit Sack und Pack ans andere Ufer fahren. Immer wieder steigt uns der Duft der überall zum Trocknen ausgelegten Vanilleschoten in die Nasen. Wir gelangen nun jeden Tag tiefer in das Vanilleanbaugebiet der SAVA. Die Vanilleernte hier macht teilweise 80% der Weltmarktproduktion aus. Doch wie vielfach in Entwicklungsländern profitieren nicht die Kleinbauern von der reichen Ernte, sondern die Händler. Max Havelar kennt hier keiner. Dazu kommt, dass durch das synthetisch hergestellte Vanillin die Preise stark gesunken sind. Trotzdem zeigen uns Überreste von stählernen Brückenpfeilern und verrostete Wellblechdächer die einst hohe Bedeutung der Route und der bescheidene Wohlstand dieser Region.

Und schon ändert sich der Strassenzustand. Schnell wie ein Sommergewitter verwandelt sich die gute Piste in eine schlammige, ausgekarrte Fahrrinne und bald darauf wird diese von einem schmalen Fusspfad abgelöst, der sich halb zugewachsen durch das üppige Regenwaldgrün schlängelt. Wenn wir die Menschen, denen wir begegnen mit einem freundlich „Bola Tsara“ begrüssen, erhalten wir meist einen erstaunten Blick und einen verspäteten Gruss zurück. Immer wieder gibt es kurze tropische Schauer und ein paar Augenblicke später verwandeln sich die Regentropfen unter der stechenden Sonne zu Schweissperlen. Bald einmal sind wir es leid, bei jeder grösseren Pfütze unsere Schuhe auszuziehen und das Fahrrad durchzuschieben und so beginnen wir, die Wasserlöcher schwungvoll und mit der Hoffnung auf festen Untergrund zu durchfahren - russisches Roulett, nur nasser! Am Abend stellen wir unser Zelt am erstbesten Platz auf. Eine Gruppe Frauen beobachtet uns dabei aus der Ferne. Als wir mit Kochen beginnen, kommen sie näher. Gespannt beobachten sie uns und kommentieren lachend unsere Handgriffe. Die Frauen sprechen kein Französisch und mit unseren paar Brocken Madagassisch kann sich kein rechtes Gespräch entwickeln. Trotzdem verstehen sie unsere Einladung zum Essen und wir verbringen gemeinsam einen lustigen Abend. Als Dankeschön für den Reis zaubert eine der Frauen eine riesige Zuckerrohrstange als Gegengeschenk hervor. Unser Zuckervorrat für die nächsten Wochen ist gesichert! Nach vier anstrengenden Tagen erreichen wir Maroantsetra. Als wir die Brücke zur Stadteinfahrt passieren, können wir aufatmen. Die Abenteuerstrecke ist ohne grössere Probleme geschafft! Wieder einmal quartieren wir uns in einem Bungalow ein, bringen uns und unsere Fahrräder auf Hochglanz und schlemmen uns durch die zahlreichen, appetitlichen Essensstände. Mit den gezuckerten „bonbons au coco“ und „Moukare“, den süssen Reisplätzchen bringen wir unseren Zuckerspiegel wieder auf Vordermann.

Danach schlendern wir ins Büro der örtlichen Nationalparkverwaltung, um unsere Erkundung der Halbinsel zu planen. Mit ihrer Grösse bietet sie ein umfangreiches, jedoch kaum genutztes Programm an Exkursionen. Als die Leute dort erfahren, dass wir Schweizer sind, wird uns voller Stolz auch gleich der Fotoband des Masoalaprojekts von Zürich in die Hände gedrückt. Zwar ganz hübsch, findet er in seiner teuren Hochglanzaufmachung aber wohl kaum Absatz. Als wir dazu noch hören, wie die erste Lemurenladung beim Transport an irgend einem europäischen Transitflughafen „liegen geblieben“ ist, was die empfindlichen Tiere natürlich nicht verkraftet haben, beginnen wir an der Grossartigkeit des Unternehmens zu zweifeln. Etwas Positives können wir der Sache dann doch abgewinnen, sind doch viele Leute durch die Halle auf den Schutz und die Einzigartigkeit der Halbinsel aufmerksam geworden. Wer aber im Endeffekt wirklich die Gewinner der ganzen Sache sind, bleibe dahingestellt.

Wir verlassen das Büro mit einem Führer und brechen auf, um den Regenwald der kleinen Insel Nosy Mangabe und der grossen Halbinsel Masoala zu entdecken. Nosy Mangabe war während zwanzig Jahren für Touristen geschlossen, da auf der Insel mehrere Pärchen Aye-Ayes angesiedelt wurden. Das Aye-Aye ist eine spezielle nachtaktive Lemurenart, die als ausgestorben galt, bis sie 1966 wieder entdeckt und einige Tiere zu ihrer Rettung auf die kleine Insel gebracht wurden. Der Bestand entwickelte sich positiv und so konnte man die Insel für den sanften Ökotourismus öffnen. Wir bekommen allerdings keine dieser putzigen Kerle zu Gesicht, und Emil, unser Führer erklärt uns niedergeschlagen, dass die Küste immer wieder von Zyklonen heimgesucht werde. Der letzte habe sich einige Tage an der Masoala Halbinsel ausgetobt und auch das Revier der Aye- Ayes auf Nosy Mangabe empfindlich getroffen. Trotzdem ist hier viel zu entdecken. Neben der üppigen Regenwaldflora können wir auf unseren Wanderungen die verschiedensten Reptilien-, Vogel- und Lemurenarten beobachten, und Emil erzählt uns einiges über Madagaskars Kultur und politischen Machenschaften.
Nach vier Tagen wandern im Urwald lassen wir uns von einem Boot am Cap Masoala aussetzen. Von dort wollen wir mit den Fahrrädern weiterreisen. Eigentlich hätte uns unsere relativ detaillierte Karte stutzig machen sollen, denn vom Cap Masoala aus ist nicht einmal ein Fusspfad eingezeichnet. Doch da uns alle versichert hatten, dass die Strasse der Halbinsel entlang gut befahrbar sei, haben wir diesen Hinweis grosszügig übersehen. Eine Blauäugigkeit, die uns wieder einmal viel Durchhaltewillen und Kraft kosten wird.

In den nächsten Tagen kämpfen wir uns durch eine unbeschreiblich schöne und wilde Landschaft. Üppiges Urwaldgrün wechselt ab mit zerzausten Palmen und unberührten türkisblauen Sandstränden. Das Vorwärtskommen ist jedoch eine Qual. Umgestürzte Baumstämme versperren uns den Weg, eklige Mangrovensümpfe und kilometerlange Sandstrandfahrten rauben uns bald alle Kräfte. Nachdem wir mehrere Dörfer, die an Flüchtlingslager erinnern, durchquert haben und zum zwanzigsten Mal über die Überreste einer Brücke balancieren, können wir uns vorstellen, wie verheerend dieser Zyklon gewesen sein muss. Mitten im Naturparadies von unverkannter Schönheit offenbart sich uns die Schattenseite Madagaskars. Die Menschen biwakieren unter Unterständen aus Kokosmatten oder alten Lastwagenplanen, ihr ganzes Hab und Gut ist in einer Ecke aufgeschichtet. Sie haben weder eine genügende medizinische Versorgung, noch sanitäre Einrichtungen oder die ausreichende Möglichkeit von Schulbildung. Schlagartig wird uns bewusst, welchen Stellenwert die Insel im Weltgeschehen einnimmt. Die Ostküste scheint von jeglicher nationalen und internationalen Hilfe vergessen worden zu sein.
Die kläglichen Dorfüberreste rauben uns auch die letzte Illusion von Einkaufsmöglichkeiten und schliesslich stellen wir unsere Ernährung vollkommen auf Sparflamme. Reis, morgens, mittags und abends. Französisch spricht in dieser Region niemand mehr, und die Suche nach Wasser und Zeltplatz wird immer aufwändiger. Doch Hilfsbereitschaft ist in dieser Gegend wohl eine Überlebensregel geworden und so schaffen wir auch die grössten Hindernisse.

Nach fünf Tagen Strapazen, Dreck und Nässe erreichen wir Antalaha und gönnen uns für die Strecke bis Sambava ein Buschtaxi. Vom Regenwald haben wir jetzt genug. Ein grosser LKW wird uns nach Antsiranana in den trockenen Norden bringen. Um 18.00 Uhr soll er abfahren und gegen 9.00 Uhr an unserem Ziel ankommen. Wir ergattern zwei Plätze und fahren bei Einbruch der Dunkelheit los. Im Schneckentempo rumpeln wir über die miserable Piste. Die Nacht wird nicht nur wegen dem Südwinter zur längsten unseres Lebens! Als uns am Morgen die Landkarte zeigt, dass wir gerade mal die Hälfte der Strecke hinter uns haben, wissen wir, dass mit der Ankunftszeit 9.00 Uhr abends gemeint war. So kann man sich hier im Zeitverständnis irren... Die Madagassen verstehen nicht, was wir an der vierundzwanzigstündigen Fahrt auszusetzen haben, dauert sie im Südsommer doch bis zu sieben Tagen!Nach unserer Ankunft verschlafen wir den ganzen nächsten Tag.

Der anschliessende Besuch des Naturreservats „Tsingy du Nord“ bedeutet schon fast das Ende unserer Reise. Dort lassen wir noch einmal die eindrückliche Tierwelt und die Naturwunder Madagaskars auf uns einwirken.
Das Wort Tsingy bedeutet soviel wie „spitzer Stein“, was dieses Naturphänomen treffend beschreibt. Es handelt sich um ein erodiertes Kalksteingebiet, in dem sich hoch aufragende, nadelscharfe Felsspitzen und tiefe Spalten gebildet haben. Die Vegetation ist trocken und wir sehen sogar wieder vereinzelte Baobabs. Als eines der besterschlossensten Naturreservate bleibt uns von diesem Ausflug trotz der Naturwunder vor allem die unpersönliche Art der Guides und das Gehetze der Eintagstouristen in Erinnerung. So wollen wir unser Madagaskarabenteuer bestimmt nicht abschliessen, denn das wäre doch sehr unpassend für dieses Land.

Zwei Tage bleiben noch und die verbringen wir mutterseelenallein auf einer kleinen Lagune nahe der Küste von Antsiranana, umgeben von Korallenriffen, weissem Sand und zahlreichen Ratten als einzige Inselbewohner, die uns in Windeseile Zelt, Sattel und Vorräte zernagen.
Einsam wie Robinson nach dem Schiffbruch, geniessen wir es in vollen Zügen. Jetzt haben wir Zeit, die prägenden Eindrücke der Ostküste zu verarbeiten und uns von der abenteuerlichen und strapaziösen Reise auszuruhen. Haben wir Madagaskar während unseres ersten Besuchs als paradiesisches Reiseland an seiner Landschaft gemessen, sind wir durch den Kontakt mit den Menschen in den Gebieten des östlichen Regenwalds kritischer geworden. Trotzdem: Madagaskar ist und bleibt ein Land für Abenteurer und Naturbegeisterte, das mit seiner fremden Kultur jeden Besucher überrascht.
So ist es auch am letzten Morgen, als uns unser Fischer nicht nach Madagaskarart mit drei Stunden Verspätung, sondern unerwartet pünktlich von der Lagune abholt.