Madagaskar ist anders - reise ohne Erwartungen, denn das Land wird keine Erwartungen erfüllen.

Es ist Nacht. Unser Flugzeug senkt sich langsam aus 11000 Metern Höhe auf Madagaskar. Zehn Stunden sind wir nun geflogen, die Beine schmerzen und wir sind müde. Was wird uns in diesem Monat Madagaskar erwarten? Keine Zeit mehr für grosse Gedanken. Unsere Reise beginnt.
Die Ankunft gestaltet sich anstrengend. Trotz der späten Stunde – es ist 1.00 Uhr nachts – umringen uns zahlreiche Taxichauffeure und reissen uns fast die Taschen aus den Händen. Wir wechseln Geld und verlassen bald darauf die Wechselstube als Multimillionäre. Dass die madagassische Währung schwach ist, haben wir gelesen, aber erst mit dem Devisenwechsel wird uns das so richtig bewusst. Die Blicke stechen in unsere Rücken, als wir die zentimeterdicken 25000er Notenpäckchen in den Geldgurten verstauen. Wir kommen uns vor wie eine lebende Bank ohne Sicherheitsangestellte und wünschen uns viel Glück. Die Nacht verbringen wir am Flughafen und in aller Frühe radeln wir los, um Antananarivo – die „Stadt der Tausend“, oder mittlerweile wohl eher die Stadt der Millionen, möglichst rasch hinter uns zu lassen.
Erste Begegnungen im Hochland
Guten Mutes radeln wir los. Überall auf unserem Weg werden wir von lauten „Salut Vazaha!“-Rufen begrüsst, die uns als „Fremde“ bezeichnen. Hier, in der Nähe der Hauptstadt klingen nicht alle der Zurufe freundlich, manchmal sind sie auch von einem aufsässigen „Donne- moi ta byciclette“ begleitet. Bei jedem Stopp werden wir sofort von zahlreichen Neugierigen umringt, die die zwei Weissen, die offensichtlich freiwillig mit ihren Fahrrädern unterwegs sind, interessiert bestaunen.
Das Hochland, durch das wir zu Beginn fahren, stellt unsere mangelnde Kondition gleich auf die Probe. Auf und ab geht es, begleitet von stinkenden LKW’s mit Bleiwölkchen. Ein Hügel reiht sich an den nächsten und wenn man endlich auf dem Top steht, nimmt einem der Ausblick auf die nächste Steigung schon mal den Mut. Doch die Landschaft ist schön, obwohl uns die umgebende Armut und der Schmutz der naheliegenden Hauptstadt bedrücken.
Erst in der dritten Nacht wagen wir das Zelt in freier Wildbahn aufzustellen, unentdeckt bleiben wir trotz verstecktem Platz aber nicht lange. Neugierig werden wir von zwei jungen Madagassen bestaunt. Bald setzt Nieselregen ein und mit ihm verschwinden auch unsere Besucher. Hoffentlich rauben sie uns nicht den Schlaf...oder sonst was...
Unsere Befürchtungen bestätigen sich nicht und von jetzt an übernachten wir lieber im Zelt als im Hotel. Probleme haben wir dabei nie.
Je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen, desto dünner besiedelt ist das Land. Nur noch selten kommen wir an kleinen Dörfern vorbei und die Menschen begegnen uns immer freundlicher.
Abstecher in den Regenwald
So erreichen wir nach sechs Tagen die Abzweigung nach Ranamafana. Dort wollen wir uns einige Tage ausruhen und das Tropengrün bestaunen. Nach einigen Pistenkilometern bricht die Nacht herein und wir stellen unser Zelt auf. Bald beginnt es zu regnen. In der Nacht hören wir während einer Stunde lauten Motorenlärm und sind so naiv zu glauben, dass die holperige Erdpiste geebnet werde! Anfängerirrtum...Der nächste Morgen belehrt uns eines Besseren. Die Strasse gleicht einem Flussbett, teilweise versinken wir bis zu den Knöcheln in den Fahrrinnen, die das spulende Auto auf seiner Nachtfahrt in den Schlamm gefräst hat. Langsam, Meter um Meter kommen wir vorwärts. Immer wieder müssen wir anhalten und unsere Velos notdürftig putzen, da der Schlamm die Räder blockiert. Wir kommen an Dörfern vorbei und werden von den Menschen ungläubig angestarrt. Gerade als wir uns zu sorgen beginnen, ob unser Proviant wohl noch einen Tag länger als berechnet reichen würde, fängt mitten im Urwald plötzlich wieder eine recht gute Teerstrasse an. Die nächsten Kilometer kommen uns wie Ferien vor und als uns ein Schild vor einer zehnkilometerlangen, kurvigen Abfahrt warnt, ist unser Tag gerettet. Müde und dreckig kommen wir in Ranamafana an und quartieren uns in einem gemütlichen Bungalow ein. Die Duschen sind ein Traum!
Die nächsten beiden Tage verbringen wir mit Waschen, Veloputzen und Wandern im Nationalpark. Während den Führungen sehen wir endlich einen Teil der typischen Tierwelt, für die Madagaskar so berühmt ist. Voller Begeisterung füllen wir unsere Filme mit Lemuren, den kuscheligen Halbaffen Madagaskars, mit Geckos und sogar die Schleichkatze Fossa bekommen wir vor die Linse.
Mit frischen Kräften machen wir uns nach diesem Unterbruch wieder auf den Weg zurück zur Hauptroute. Die Piste ist etwas trockener und nach einem Tag kommen wir bereits in Fianarantsoa an.
Das Tor des Südens
Von nun an ändern sich die Landschaft und das Klima markant. Es wird heisser, oft müssen wir über den Mittag eine längere Rast im Schatten einlegen. Dörfer liegen weit entfernt auseinander, die Reisterassen sind verschwunden und durch endlose trockene Ebenen ersetzt worden, an deren Horizont ab und zu grosse Zebuherden vorbeiziehen. Aber auch die Menschen haben sich verändert. Auf Madagaskar leben schätzungsweise siebzehn verschiedene ethnische Gruppen. Während wir zu Beginn unserer Reise das Gebiet der Merina und Betsileo durchquert haben, durchfahren wir nun die Heimat der Baras, der stolzen Rinderzüchter des Südens. Die Zebu gelten hier als Statussymbol schlechthin. Ein junger Mann, der auf der Suche nach einer Frau ist, muss eine grosse Zebuherde besitzen, die meist nicht auf ganz legale Weise erworben worden ist, gehört doch der Rinderdiebstahl zu den ehrenvollen Vergehen. Der Besitz von Entlassungspapieren aus dem Gefängnis erhöhen den Erfolg einer Brautwerbung zusätzlich. Auf uns wirken die Baras distanziert und wenn man der Wehrhaftigkeit der speertragenden Männer bedenkt, ist es verständlich, dass wir nur selten mit ihnen ins Gespräch kommen.
In Ihosy, der letzten Stadt vor der Hochebene von Horombe decken wir uns mit Proviant für die nächsten zwei Tage ein. Von einigen Leuten werden wir gewarnt, als wir ihnen von unserer nächsten geplanten Etappe erzählen. „Ihr seid aber mutig! Rechnet damit, dass es auf der Hochebene Leute hat, die von euch profitieren wollen...“ „Von uns profitieren, wie meint ihr das?“ Auf unsere Fragen erhalten wir nur ein Achselzucken und mit etwas gemischten Gefühlen machen wir uns auf den Weg.
Die Hochebene von Horombe
Es beginnt gut. Auf dem vorzüglichen Asphalt fahren wir mit starkem Rückenwind Richtung Süden und rechnen schon ganz enthusiastisch damit, am Abend an unserem Ziel Ranohira anzukommen. Doch natürlich bleibt es nicht dabei. Urplötzlich endet die Strasse und wir stehen vor einer roten Sandpiste. Bald merken wir, dass das Fahren auf einer der vielen Nebenpisten einfacher ist, da es dort weniger Sand hat und der Untergrund stabiler ist. Gegen Abend überholt uns ein Auto, das schliesslich etwas weiter vorne hält. Ob wir Probleme hätten und er uns mitnehmen solle, will der Fahrer wissen. „Nein, nein, alles in Ordnung, wir haben ein Zelt dabei“, rufen wir zurück. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln fährt er weiter. Wir können uns vorstellen, was er jetzt denkt: „Diesen Vazahas ist wirklich nicht zu helfen...“ Am Abend stellen wir unser Zelt zwischen einigen verkrüppelten Büschen auf und bewundern einen atemberaubenden Sonnenuntergang. Bald ist es stockfinster und wir kriechen ins Zelt. Eine ruhige Nacht wird es allerdings nicht. Der Wind fegt über die Hochebene und versucht mit aller Kraft unsere kleine Bleibe aus ihrem Stand zu reissen. Oft wissen wir nicht, ob das laute Flattern wirklich nur vom Wind kommt, oder ob einer von den „Provitören“ um unser Zelt schleicht. Mehrmals gehen wir raus und kontrollieren, ob unsere Fahrräder noch da sind. So können wir auch zu Genüge den funkelnden Sternenhimmel bewundern, der sich über uns erstreckt. Weit weg von aller Zivilisation, allein mit dem Wind, der über die Ebene peitscht und dem Licht der Sterne erleben wir eine der schönsten und unvergesslichsten Nächte auf unserer Reise. In dieser weiten, unermesslichen Landschaft beginnen wir langsam die Lebenshaltung der Madagassen zu verstehen, die das Leben nur als eine Durchgangsstation zu einer weit bedeutenderen Daseinsform als Teil des Schöpfers „Zanahary“ ansehen. Mit einer solchen Einstellung wird die Zeitspanne eines Lebens relativ, Eile ist fehl am Platz, verfolgt doch die kurze Daseinsform auf der Erde ein weitaus höheres Ziel. Genau diese Einstellung macht die Madagassen auch so bescheiden und gelassen -erfüllt schon die Anerkennung der Sippe und der Besitz einer Zebuherde die Baras mit Stolz.
Am nächsten Morgen ist der Zauber der Nacht augenblicklich verflogen und die Realität holt uns ein. Am gestrigen Abend sind wir auf einer Nebenroute gefahren, um unsere Nacht verborgen vor fremden Blicken verbringen zu können und nun wollen wir wieder auf die Hauptpiste zurück. Doch wo liegt die? Unser natürliches Orientierungsgefühl lässt uns total im Stich. Norden, Süden, Osten, Westen – nach allen Seiten dehnt sich die Ebene aus und der Wind bläst uns mit unverminderter Kraft vorwärts. Aber ob er noch aus der gleichen Richtung weht wie gestern? Unsicher stehen wir da, radeln sogar ein Stück zurück, finden jedoch die Hauptroute nicht mehr und auch vom regelmässigen Verkehr fehlt jede Spur. Die totale Verwirrung. Plötzlich sehen wir weit vorne ein Auto kommen und stoppen es. Der Fahrer lacht uns an: „Alle Pisten führen ans gleiche Ziel. Hier könnt ihr euch nicht verirren, egal auf welcher Route ihr fährt!“ Erleichtert machen wir uns wieder auf den Weg und wirklich – bald sehen wir am flimmernden Horizont das Sandsteingebirge des Isalo-Nationalparks auftauchen und halten darauf zu. Gegen Mittag kommen wir in Ranohira an, quartieren uns wieder einmal in einem Bungalow ein und geniessen den Luxus sanitärer Einrichtungen.
Der Isalo-Nationalpark
Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit einem Guide im Isalogebirge. Wir wandern durch eine menschenleere, trockene Felsenlandschaft, die jedoch immer wieder durch kleine grüne Canyons unterbrochen wird. Staunend bleiben wir vor bizarren Sandsteinformationen stehen und lauschen den geheimnisvollen überlieferten Geschichten, die unser Führer zum Besten gibt und grosse Ähnlichkeit mit unseren Zwergensagen aufweisen - mit dem Unterschied, dass es uns in dieser urtümlichen, einsamen Landschaft leichter fällt, an ein verborgenes Volk zu glauben.
Nach diesen Wandertagen steigen wir wieder auf unsere Fahrräder, obwohl es die nächsten 250 Kilometer bis Toliara in sich haben. Von unserem Führer wurden wir gewarnt, diese Strecke nicht mit dem Fahrrad zu machen, da die Strasse durch eine gesetzlose Saphirregion führe. Nach einigem Hin und Her wollen wir es jedoch trotz eines etwas bangen Gefühls wagen. Mit grosser nervlicher Anspannung bringen wir die Strecke während zweier Tage ohne grössere Zwischenfälle hinter uns und organisieren danach in Toliara unsere letzte Etappe.
In die Einsamkeit des Dornenlandes
Da die Route du Sud in Toliara endet und von hier nur noch Sandpisten weiterführen, entschliessen wir uns den Luxus eines Jeeps mit Chauffeur zu leisten. Und so beginnt nach drei Tagen Ausspannen in dem kleinen Fischerdorf Anakao eine eindrückliche, mit nichts zu vergleichende Reise in die Einsamkeit des südlichen Dornenlandes.
Unser Fahrer scheint das Gebiet gut zu kennen und ausserdem ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu besitzen. In einem Höllentempo brettert er über die schmalen Sandpisten, während Kaktuspflanzen an die Scheiben klatschen und alles Lebendige vor uns Reissaus nimmt - abgesehen von den Strahlenschildkröten. Bei einem solchen Hindernis hält sogar unser Fahrer an, denn schliesslich hat er diese Tiere höchstpersönlich unter Schutz gestellt und sogar das passende Naturreservat dazu gegründet...
Aber nicht nur die Strahlenschildkröten zwingen uns zu verschiedenen Stopps. Wer hätte gedacht, dass sich Autobremsen auch mit einem alten Drahtkleiderbügel reparieren lassen...?
Je weiter wir ins Dornenland eintauchen, desto eindrücklicher wird die Landschaft. In dieser immerwährenden Trockenheit haben sich hochspezialisierte Pflanzen entwickelt. Wir sehen Baobabs, Pachypodien, Didieraceen und Aloen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen und der Landschaft etwas Unwirkliches geben. Die Menschen, denen wir begegnen, ergreifen jetzt sofort die Flucht, sobald sie unsere weissen Gesichter sehen.
Nun wird uns auch die zweite Bedeutung der Vazaha- Rufe bewusst.
Wir sind die „Hellhäutigen“, gefährliche „Mpakafos“ welche in der Nacht ihr Unwesen treiben und sich am liebsten von frischem Menschenblut ernähren. Wie gegenwärtig solche und andere Geschichten bei den Volksstämmen der Mahafaly und der Antandroy immer noch sind, erzählen uns auch Zeitungsberichte des Sommers 1996 als europäische Touristen mit dem Verschwinden von zwei madagassischen Mädchen in Verbindung gebracht und als „Mpakafos“ verdächtigt von der Polizei arretiert wurden. Die Leute hier leben nach wie vor als Nomaden in ihren uralten Traditionen, die von einer Vielzahl von Fadys bestimmt sind, welche auch von fremden Reisenden eingehalten werden müssen. Über „Fadys“ –Verbote und Gebote, die mit dem polynesischen Tabu vergleichbar sind – haben wir viel gelesen, doch bewusst merken wir nun erst hier im Süden etwas davon. Die riesengrossen, mit Zebuhörnern bestückten Gräbern, an denen wir vorbei kommen, lassen uns etwas von dieser fremden Lebensart erahnen. Reich verziert und mit kunstvoll geschnitzten Alo- Alos geschmückt, erzählen sie die Geschichten einer von uns so grundverschiedenen Lebensweise am anderen Ende der Erde.
Viel zu rasch gehen diese drei unvergesslichen Tage zu Ende und wohl oder übel tauschen wir den bequemen Autositz mit dem etwas weniger bequemen Velosattel.
Ohne grosse Motivation pedalen wir die restlichen Kilometer bis Toalagnaro, Endstation unserer Reise.
Aus dem Flugzeug erhaschen wir noch einen letzten Blick auf die riesige Insel im indischen Ozean und wir sind uns einig: Madagaskar, wir werden wiederkommen!
Im Sommer 2003