Die nächste Welle trifft die Seite des fragilen Seglers mit voller Wucht, peitscht über den Rand, spritzt uns nass. Das Salzwasser brennt in den Augen. Während wir die kalte Dusche abschütteln, uns am Rand des Holzschiffes festklammern und zu erinnern versuchen, mit welch unverzeihlicher Bemerkung wir wohl den Meeresgott in der heutigen Mittagsflaute erzürnt haben, lässt sich Dada am Steuerruder nicht aus der Ruhe bringen. Gemütlich beginnt er Wasser zu schöpfen und Leba balanciert sich gekonnt auf dem Arm des einseitigen Auslegerbootes neu aus. Unter geblähten Segeln saust die Piroge dahin. Dadas Freudenschrei wird von der nächsten Sturmbö erfasst, die seine Stimme weit hinaus über die schäumende Gischt bis an die Westküste Madagaskars trägt.
Wahrscheinlich war es der Wind, der uns die Erkenntnis vor einigen Tagen zugeblasen hat, als wir uns im Schatten eines Baobabs bei Keksekrümeln und gelbgeschmolzenem Weichkäse entschliessen, dass wir von der ewig ausgedörrten Steppenlandschaft genug haben. Eine Fata Morgana von leise rauschendem Wasser und schattigen Kokospalmen setzt sich in unseren Köpfen fest und bei der nächsten Kreuzung biegen wir Richtung Meer ab. Vom Staub zugepudert und mit Sand auf den Zähnen erreichen wir nach zwei Tagen schieben auf einem vergessenen Karrenweg unser Ziel. Kein Trugbild, sondern echt weisser Sandstrand, eine türkisblaue Lagune und zerzauste Fischerhütten. Schon nach kurzer Zeit sitzen wir zwischen den Dorfbewohnern, verschlingen gesalzenen Fisch und ungesalzenen Reis, gucken, werden angeguckt und verstehen kein Wort. Mit europäischen Sprachen kommt man hier nicht mehr weiter, aber die Neugierde ist gross und der gute Willen ist gegenseitig. Unsere wenigen Brocken Madagassisch werden prompt mit der einzigen französischen Floskel quittiert, die hier einer der Fischer auf Lager hat: „C ’est normal“. Obwohl der junge Mann damit wohl eher etwas anderes meint, nehmen wirs gerne für bare Münze – „das ist normal“. Ungemein motivierend, denn in den letzten Tagen haben wir von uns eher das Gegenteil befürchtet.
Mit Händen, Füssen und Sandzeichnungen gelingt uns die Kommunikation und wir erfahren, dass einer der Fischer noch diese Nacht auf die kleinen Inseln segeln wird, welche hier 30 Kilometer vor dem Festland liegen, um seine Familie zu besuchen. Wir dürften ihn gerne für ein paar Tage dorthin begleiten, meint er. Ein gewagtes Abenteuer, mit einem Hauch Unvernunft und einer Fahrradtasche voll Tagträumereien – ist das nicht genau das, was wir immer suchen? Das passende Unterfangen für zwei Radler auf dieser Insel am Ende der Welt.
Es ist knapp nach ein Uhr, als Dada das Startzeichen gibt. Der Wind hat aufgefrischt, der Mond blickt durch die Wolken. Jetzt packt uns endgültig das Grauen. Was am Tag schon leicht hirnverbrannt ausgesehen hat, wird nun, da wir mitten in der Nacht aufs Meer hinausfahren sollen, zum Albtraum. Die wackelige Holzpiroge erscheint jetzt noch zerbrechlicher als am Tag und die Lumpen, welche zwischen den Rissen im Baumstamm hervorquellen, machen das ganze Gefährt auch nicht vertrauenserweckender. Wenigstens das viereckige Sprietsegel zeigt keine Löcher und die Holzzapfen, welche den Auslegerarm mit dem Schiff verbinden, der es wie einen Katamaran im Gleichgewicht halten soll, hat Dada am Nachmittag extra neu verkeilt. Wir erinnern uns an unsere erste Fahrt auf einer Piroge vor fünf Jahren. Damals hat sie gehalten, aber es war Tag und das Festland immer in Sicht. Bleibt zu hoffen, dass auch Dada kein Interesse hat, zusammen mit unserem Gepäck und den Fahrrädern den Meeresboden zu grüssen.
Es ist knapp nach ein Uhr, als Dada das Startzeichen gibt. Der Wind hat aufgefrischt, der Mond blickt durch die Wolken. Jetzt packt uns endgültig das Grauen. Was am Tag schon leicht hirnverbrannt ausgesehen hat, wird nun, da wir mitten in der Nacht aufs Meer hinausfahren sollen, zum Albtraum. Die wackelige Holzpiroge erscheint jetzt noch zerbrechlicher als am Tag und die Lumpen, welche zwischen den Rissen im Baumstamm hervorquellen, machen das ganze Gefährt auch nicht vertrauenserweckender. Wenigstens das viereckige Sprietsegel zeigt keine Löcher und die Holzzapfen, welche den Auslegerarm mit dem Schiff verbinden, der es wie einen Katamaran im Gleichgewicht halten soll, hat Dada am Nachmittag extra neu verkeilt. Wir erinnern uns an unsere erste Fahrt auf einer Piroge vor fünf Jahren. Damals hat sie gehalten, aber es war Tag und das Festland immer in Sicht. Bleibt zu hoffen, dass auch Dada kein Interesse hat, zusammen mit unserem Gepäck und den Fahrrädern den Meeresboden zu grüssen.
Eingeklemmt zwischen Sack und Pack schaukeln wir vom Strand weg. Dada und Leba ergreifen ihre Ruder und durch gegenseitige Zurufe beginnen sie die Nussschale durch die Brecher des Riffs zu manövrieren. Hochpräzise sind ihre Handgriffe, perfekt aufeinander abgestimmt und ausser ein paar kalten Spritzern im Gesicht kommen wir trocken hinter die Wellenlinie. Schlagartig begreifen wir: Hier beginnt das Leben dieser Männer. Was für uns wie ein untaugliches Spielzeug aussieht, ist ein seit Menschengedenken erprobtes Arbeitsgerät. Und wenn nicht die Wetterhölle losbricht, werden wir in sieben Stunden auch ohne GPS sicher den Archipel erreichen.
Lebas Morgenlied stiehlt uns den Schlaf. Ein unbeschreiblicher Gesang. Einfach, aber ergreifend. Die Dämmerung hat eingesetzt und das Morgenrot schwebt über dem Wasser. Langsam tastet sich ein Sonnenstrahl am Horizont über die Wasserlinie, stösst mit einer Welle zusammen, explodiert in tausend Funken am Bootsrand. Ein stilles Feuerwerk, das sich unauslöschlich in unsere Erinnerung brennt. In solchen Momenten muss wohl der Gedanke dieses Küstenvolkes entstanden sein, das Meer als heiligen Ort zu betrachten.
Lebas Morgenlied stiehlt uns den Schlaf. Ein unbeschreiblicher Gesang. Einfach, aber ergreifend. Die Dämmerung hat eingesetzt und das Morgenrot schwebt über dem Wasser. Langsam tastet sich ein Sonnenstrahl am Horizont über die Wasserlinie, stösst mit einer Welle zusammen, explodiert in tausend Funken am Bootsrand. Ein stilles Feuerwerk, das sich unauslöschlich in unsere Erinnerung brennt. In solchen Momenten muss wohl der Gedanke dieses Küstenvolkes entstanden sein, das Meer als heiligen Ort zu betrachten.
Um acht Uhr Morgens taucht am Horizont Land auf. Eine Stunde später ziehen wir die Piroge über den weissen Korallenstrand. Auf der Sandbank stehen unzählige kleine Zelte und als wir begreifen, wo wir da gelandet sind, können wir es kaum glauben. Dies muss ein Vezolager sein, bevölkert von Menschen, die mit vielleicht zehntausend verbleibenden ihrer Gruppe zu den letzten Nomadenvölkern der Welt gehören. Viele von ihnen sind inzwischen an der Westküste von Madagaskar sesshaft geworden, doch einige, denen es gelingt, an den ursprünglichen Traditionen festzuhalten, befahren während der Wanderperiode im Südwinter mit ihren Pirogen noch immer frei den Küstenabschnitt zwischen Tulear und Maintirano. Dunkelhäutige, rastlose Fischer, die in den seichten Lagunen Weichtiere sammeln, oder sich mit Netz und Harpune aufs offene Meer hinauswagen. Am Abend bauen sie ihre Segel zusammen mit den Rudern am Strand zu einfachen Zelten auf und bei Anbruch des Morgens verschwinden sie wieder aufs Wasser. Gelegentlich halten sie sich auf grossen Sandbänken und kleinen Inseln vor der Küste auf, wo sie während einigen Wochen verweilen und ihren Fang einsalzen, um ihn dann auf den Märkten der umliegenden Städte zu verkaufen.
Von den ersten Minuten an werden wir in das tägliche Leben der Vezo integriert. Obwohl unser Zelt aus ultraleichtem Hightech-Material und unsere Zeltstangen aus bruchfestem Aluminium bestehen, ist ihnen unsere Art des Reisens bekannt und sie bedarf keiner weiteren Erklärungen. Auf den Inseln der Vezo sind seit Menschengedenken Fremde gelandet. Ein Kommen und Gehen ist hier nichts Aussergewöhnliches. „C ’est normal“. Klar gibt es zahlreiches zu entdecken. So wie unser Blick immer wieder interessiert an den umliegenden Zelten hängenbleibt, schielen auch unsere Nachbarn neugierig in die Bleibe der Vazaha, und der Fahrradrückspiegel ist schon bald Unterhaltungsquelle aller Kinder im Lager.
Am Mittag schläft das Leben am Strand ein. Die Männer verschwinden in den Zelten, verbringen die heisse Zeit mit Ausruhen, damit sie in der Nacht wieder zum Fischfang losziehen können. Die Frauen sitzen unter einem Segel und spielen Karten. Auch wir ziehen uns in den Schatten zurück, schlafen ein. Die Sonne überschreitet den Zenit. Am Nachmittag herrscht reger Betrieb bei den Booten. Netze werden genäht und für den Fang entwirrt, ein grosses Segelschiff hat angelegt und bringt Salzsäcke. Die Frauen wenden den Fisch bei den Trocknungsgestellen. Fliegen schwirren durch die Luft. Als der Wind auffrischt, werden die Segel gehisst und auf einen Schlag tummeln sich im seichten Wasser zwanzig Boote. Eine stolze Flotte macht sich auf zum nächtlichen Fang.
Am Mittag schläft das Leben am Strand ein. Die Männer verschwinden in den Zelten, verbringen die heisse Zeit mit Ausruhen, damit sie in der Nacht wieder zum Fischfang losziehen können. Die Frauen sitzen unter einem Segel und spielen Karten. Auch wir ziehen uns in den Schatten zurück, schlafen ein. Die Sonne überschreitet den Zenit. Am Nachmittag herrscht reger Betrieb bei den Booten. Netze werden genäht und für den Fang entwirrt, ein grosses Segelschiff hat angelegt und bringt Salzsäcke. Die Frauen wenden den Fisch bei den Trocknungsgestellen. Fliegen schwirren durch die Luft. Als der Wind auffrischt, werden die Segel gehisst und auf einen Schlag tummeln sich im seichten Wasser zwanzig Boote. Eine stolze Flotte macht sich auf zum nächtlichen Fang.
In den frühen Morgenstunden kommen die Boote zurück. Vollbeladen bis unter den Rand. Die Frauen ziehen mit Messern und Eimern an den Strand. Dort werden die Fische ausgenommen, geputzt, gewogen und zu den Trocknungsplätzen verfrachtet. Ein Fischer hat Glück, ihm ist ein kleiner Hammerhai ins Netz gegangen. Bald glänzen Specktranchen in der Sonne und ein paar junge Männer brutzeln sich ihr Frühstück über dem Feuer. Lachen, Freude über den ausgezeichneten Fang. Oben im Lager beginnen die ersten Frauen die Fische einzusalzen. Dick werden die Leiber mit grobkörnigem Salz eingerieben und dann im Rumpf einer alten Piroge in einer braunen Solelösung eingelegt. Das Einsalzen dauert mehrere Tage, bis die Fische dann auf den Gestellen in der Sonne ausgelegt und unter täglichem Wenden getrocknet werden. Auch Tintenfische werden in dieser Art haltbar gemacht und hängen dann bei den Zelten an Bügeln, wie bei uns Kleider im Schrank.
Das Leben der Vezo wird von den Gezeiten, dem Wellengang und den Fischschwärmen bestimmt. Im Wechselspiel mit Ebbe und Flut laufen die Fischer am Abend mit ihren Booten aus, verbringen die Nacht auf dem Meer und am Morgen kehren sie nach getaner Arbeit erneut ans Ufer zurück. Ein Vezo ohne Boot, ist ein Vezo ohne Leben, meint eines ihrer Sprichworte. Die Piroge ist für ihn nicht nur Arbeits- und Transportmittel, sondern auch sein Zuhause. Er steht nicht in einer Zweiteilung von Himmel und Erde, von Leben und Tod. Für ihn existiert nur das Meer, es ist Lebensraum und heiliger Ort zugleich, steuert Dasein, Klima und Natur. Für die Vezo lebt die Seele in den Geschöpfen der Meere weiter. Streng wird zwischen Fischarten, die als Nahrungsmittel dienen und solchen, die unantastbar und somit „fady“ sind, unterschieden. Wie bei allen Madagassen nehmen die Verstorbenen einen wichtigen Stellenwert im Alltag ein und begleiten die Lebenden bei jeder Handlung.
An diesem Nachmittag laufen wir mit Dada um die Insel. Viel Neues zu entdecken gibt es nicht. Ausser ein paar struppigen Büschen existiert hier nur der gleissende Korallensand, auf der Nordseite einige schwarze Lavafelsen und das Smaragd des Wassers, welches sich unterbrochen von drei weiteren kleinen Inseltupfern bis zum Horizont erstreckt. Als wir ins Lager zurückkommen, haben sich viele Frauen unter die Zelte zurückgezogen, um das Tam- Tam, eine gelbe Gesichtsmaske aus pfeffergrossen, zerriebenen Pflanzensamen aufzutragen. Das Tam- Tam ist ein typisches Merkmal der Vezofrauen. Mit einem Messer und etwas Wasser wird die Paste von einem hartgepressten Block geschabt und gleichmässig oder in kunstvoller Verzierung aufs Gesicht aufgetragen. Das Tam- Tam dient als Schutz gegen die Sonne und die Hitze des Herdfeuers. Die Frauen lassen die Schönheits- und Schutzmaske im Gesicht trocknen, wo sie sie mehrere Tage belassen. Hier liegt der Grund, warum niemand Erstaunen bei dem Anwenden unseres eigenen UV- Schutzes gezeigt hatte. Was in Madagaskar normalerweise schon einmal komische Blicke und Spekulationen hervorrufen kann, wird unter den Vezo selber praktiziert. Niemandem kommt es in den Sinn, in der weissen Sonnencreme eine Muskel- Dopingpaste für Radfahrer zu sehen, wie das ein Madagasse bei Tulear vermutet hatte, sondern allen ist klar, dass es sich dabei um ein Vazaha Tam- Tam handelt – „c’est normal“ und daher findet man in den nächsten Tagen auch immer wieder neugierige Frauen mit strahlend glänzenden Gesichtern, die die Chance genutzt und auch einmal den Sonnenschutz der Weissen ausprobiert haben.
Heute Abend gibt es Fisch mit Safransauce. Ein kleines Festessen für die Vazaha, welche diese Nacht die Insel wieder verlassen wollen. Wir fühlen uns geehrt, denn für gewohnt wird hier kein grosses Aufsehen über das
Kommen oder Gehen von Personen gemacht. Fischer bleiben tagelang weg, um dann irgendwann bei günstigem Wind und nach getaner Arbeit wieder aufzukreuzen, als wären sie nie fortgewesen. Als unsere Piroge in der Nacht Richtung madagassische Nordostküste ablegt, verspüren wir kein bisschen Angst oder Unbehagen, sondern nur tiefes Vertrauen. Die ganze Nacht und auch den nächsten Vormittag dümpeln wir wenige Kilometer vor den Inseln in einer Flaute. Erst am Nachmittag frischt der Wind wieder auf und zeigt uns schon bald seine wahre Stärke. Wir flitzen übers Wasser, das allmählich um uns zu wogen beginnt. Leba ist auf dem Ausleger längst aufgestanden, hält sich am Hauptmast fest, wie im Schlaf scheint er auch jetzt damit verwachsen. Gekonnt und wendig balanciert er das Boot nach jeder Welle aus und dann empfangen wir die erste Dusche. Dada verkeilt das Steuerruder an der Seite, um mit der freien Hand Wasser zu schöpfen. Mit Volldampf durchpflügen wir das schäumende Meer und Leba jauchzt vor Freude auf. Die nächste Welle trifft die Seite der Piroge ungebremst und spritzt uns pudelnass. Wir klettern auf die Sitzlatten, um nicht im Nassen zu hocken und sofort ist auch wieder das flaue Gefühl im Magen da. Die Ruhe des langweiligen Dahindümpelns ist gänzlich verflogen. Weit und breit kein Stückchen Land mehr in Sicht, wir ein verlorener Punkt, mitten in der brodelnden See. Bis zum Abend sitzen wir zitternd und voller Respekt auf den Planken und es offenbart sich uns die Kehrseite des Vezolebens. Die Schärfe des Salzes drängt uns einen Aspekt dieses Nomadendaseins auf, der nichts mehr mit dem Geschmack der absoluten Unabhängigkeit und Freiheit gemein hat, der uns in den frühen Morgenstunden verklärte. Wir spüren Unbehagen und Gefahr.
Kommen oder Gehen von Personen gemacht. Fischer bleiben tagelang weg, um dann irgendwann bei günstigem Wind und nach getaner Arbeit wieder aufzukreuzen, als wären sie nie fortgewesen. Als unsere Piroge in der Nacht Richtung madagassische Nordostküste ablegt, verspüren wir kein bisschen Angst oder Unbehagen, sondern nur tiefes Vertrauen. Die ganze Nacht und auch den nächsten Vormittag dümpeln wir wenige Kilometer vor den Inseln in einer Flaute. Erst am Nachmittag frischt der Wind wieder auf und zeigt uns schon bald seine wahre Stärke. Wir flitzen übers Wasser, das allmählich um uns zu wogen beginnt. Leba ist auf dem Ausleger längst aufgestanden, hält sich am Hauptmast fest, wie im Schlaf scheint er auch jetzt damit verwachsen. Gekonnt und wendig balanciert er das Boot nach jeder Welle aus und dann empfangen wir die erste Dusche. Dada verkeilt das Steuerruder an der Seite, um mit der freien Hand Wasser zu schöpfen. Mit Volldampf durchpflügen wir das schäumende Meer und Leba jauchzt vor Freude auf. Die nächste Welle trifft die Seite der Piroge ungebremst und spritzt uns pudelnass. Wir klettern auf die Sitzlatten, um nicht im Nassen zu hocken und sofort ist auch wieder das flaue Gefühl im Magen da. Die Ruhe des langweiligen Dahindümpelns ist gänzlich verflogen. Weit und breit kein Stückchen Land mehr in Sicht, wir ein verlorener Punkt, mitten in der brodelnden See. Bis zum Abend sitzen wir zitternd und voller Respekt auf den Planken und es offenbart sich uns die Kehrseite des Vezolebens. Die Schärfe des Salzes drängt uns einen Aspekt dieses Nomadendaseins auf, der nichts mehr mit dem Geschmack der absoluten Unabhängigkeit und Freiheit gemein hat, der uns in den frühen Morgenstunden verklärte. Wir spüren Unbehagen und Gefahr.
Irgendwann dringt die tosende Brandung der Küstenlinie in unser Bewusstsein und nun macht sich auch bei Dada und Leba eine gewisse Unruhe bemerkbar. Angestrengt suchen sie in den Wellen nach einer Lücke, der Mündung des Flusses, welcher hier vom Landesinnern ins Meer strömt. Mit geschickten Ruderschlägen bringt Dada die Piroge in Position, wird aber von der Strömung immer wieder aus dem Kurs getrieben und muss am Ende so hart im Wind fahren, dass das Segel zu flattern beginnt. Von der nächsten Bö erfasst schlägt es in einer unkontrollierten Wende um und fegt Leba vom Ausleger. Zum Glück haben wir inzwischen seichteres Wasser erreicht, so dass Leba Boden fassen kann und mit einem gekonnten Klimmzug unter heldenhaftem Lachen wieder auf seiner angestammten Position zu stehen kommt. Er drückt mir den gelösten Sprietfall in die Hände, mit welchem die Spannung des Segels kontrolliert werden kann und greift wie Dada zum Ruder. Kurze Zeit später gleiten wir ruhig den Flusslauf hoch und erreichen bei Einbruch der Dunkelheit unser Ziel. Mitten im Mangrovensumpf erleben wir eine stinkende und gruselige Ankunft, bei der wir bis zu den Knien im saugenden Schlamm stecken bleiben, aber irgendwann haben wir das Boot gemeinsam an Land gehievt, Fahrräder und Gepäck von der triefenden Nässe in Sicherheit gebracht. Gemeinsam zotteln wir Richtung Dorf, freuen uns nach diesem langen Tag auf eine warme Mahlzeit und ein trockenes Bett. Trotz der Vorfreude fühlen wir eine stille Trauer in uns. Die Vezo sind uns mit ihrer offenen Art ans Herz gewachsen. Eine wunderbare Begegnung und ein unglaubliches Abenteuer schliessen wir in unsere Erinnerung. Aber im Grunde genommen auch ein Stück schnörkelloser Alltag, der langsam von der Schnelllebigkeit unserer Zeit verdrängt wird. „C’ est normal?"