Amazonas

Warmi tami – die Frauen weinen. Schon seit Stunden trommelt der Regen auf die Plastikplane unseres Motorkanus. Der Fluss ist angeschwollen, reisst an den Planken, scheinbar träge, mit unheimlicher Kraft. Der Motor knattert ins Rauschen, ewig langsam zieht das graue Ufer an uns vorbei. Es wird dunkel. Das Navigieren zwischen den dahinschiessenden Baumstämmen und den wirbelnden Strudeln macht die Fahrt gefährlich. Endlich erreichen wir das Ziel. Eine Stelzenhütte auf einem notdürftig gerodeten Stück Land. Im Öllampenlicht sitzen Kinder, Erwachsene, Alte. Masato wird herumgereicht. Wer nicht trinkt, ist nicht willkommen. Zum Glück haben wir Pepe. Wir warten darauf, dass die Leute nach Hause gehen, in die umliegenden Häuser, damit es Platz gibt zum Schlafen. Niemand geht. Es gibt keine weiteren Häuser. Vielleicht gehören alle zur gleichen Familie. Fünfzehn Kinder? Dreissig Leute? Murmelnde Gespräche, Lachen. Der Regen hat aufgehört. Die Geräusche der Nacht schleichen sich unter das Palmdach. Schlafende Menschen, Grillen und Zikaden. Tuta – Zeit der Geister.

Die Reiseagenturen in Iquitos sind besser organisiert als das FBI. Nach fünf Minuten weiss die ganze Stadt, dass die zwei Suizos mit ihren bicicletas nach Ecuador schippern wollen. Mit Führer, weil sie vom Hängemattengucken genug haben, losgehen solls am Montag, Zeit haben sie zwei Wochen und Geld ist in Americanexpress Travellercheques verfügbar, die sie aber erst am Montagmorgen um acht in der Bank beim Kollegen vom Geschäftsleiter von Carrussel viaje einlösen können – ein klarer Fall für Pepe Lopez! Er ist der einzige dieser Region, empfohlen vom Reiseknowhowverlag und irgend einem italienischen Führer und noch wichtiger: Amigo von allen (wohlgemerkt – von allen!) Indígenas, die am Rio Napo leben, da er gerne Affenhirnsuppe verschlingt und Masatoschnaps säuft – zweifellos unser Mann! Die Kilometer bis Santa Clotilde bringen wir zackig hinter uns, im Schnellboot mit 70 Sachen. Dort geht’s ab zu unserer ersten Exkursion. Gemächlich tuckern wir den Rio Tamboryacu hoch in ein Jagdcamp. Der dort lebende Amigo wird losgeschickt, ein paar Bananen und Eier zum Nachtessen zu suchen, oder halt was sonst noch gerade über den Weg läuft. Die Bestellung schlägt fehl, der Amigo kommt heute Abend nicht mehr zurück. Wahrscheinlich ist er von einem Jaguar gefressen worden, der ebenso hungrig war, wie wir es sind. Kinder, heute geht’s ohne Nachtessen ins Bett. "Esto es una buena experiencia para ustedes" – ja ja ihr Gringoweicheier, so läuft das in der Selva!
Am nächsten Tag brechen wir zu einer kleinen Caminata auf (zum Frühstück gab’s Bananen und Yuca – wohl über Nacht gewachsen). Der Spaziergang dauert fünf Stunden, mit Gepäck, in Gummistiefeln und im Höllentempo. Was, ihr habt Blasen an den Füssen und der Rücken schmerzt? "Es una buena experiencia para ustedes!" Ja, ja, wir wissens, wir SIND Weicheier, schon seit zehn Monaten…

Am Rio Algodon treffen wir zuerst nur auf zwei weitere Jagdhütten und eine geknebelte Schildkröte. Die Amigos tauchen etwas später auf und so müssen wir heute wenigstens nicht hungrig ins Bett, denn die Jäger bringen Affen und einige Fische mit. Die Affen werden feinsäuberlich über dem Feuer enthaart und danach zum Räuchern aufgebahrt. Der Kopf wandert tatsächlich in den Suppentopf. Was sich wie ein billiger Indiana Jones anhören mag, ist Amazonasrealität. Spätestens hier merken wir, dass unsere Fahrt durch den Regenwald etwas anders verlaufen wird, als wir uns das vorgestellt haben, dass wir anstatt Tiere in intakter Umgebung zu beobachten eher eine Ethnologiereise vor uns haben, die uns einmalige Kontakte zur einheimischen Bevölkerung ermöglicht, zu den Menschen, welche hier nicht nur im, sondern vom Amazonas leben – und wahrscheinlich auch ganz gut im Gleichgewicht mit dem Amazonas leben könnten, hätten nicht moderne Ansprüche, skrupellose Ausbeutung und Raubbau dies aus den Fugen gebracht. Pepe berichtet uns von den Identitätszweifeln der Jugendlichen am Rio Napo. Viele sehen im traditionellen Leben keine Zukunft mehr, schämen sich ihrer Herkunft und ziehen in die Stadt. Belem, das schwimmende Armenviertel in Iquitos wächst. Fast 50% der Stadtbevölkerung sind arbeitslos. Trotz der schwierigen Lebensumstände treffen wir auf fröhliche Menschen, die uns warmherzig an ihrem bescheidenen Leben teilhaben lassen, auf geschickte Jäger in denen der Stolz und die Würde der Kichwas weiterlebt.

Drei Tage später kehren wir an den Rio Napo zurück. Hier macht eine Schar Amigos Pepes Motorkanu bereit. Die Vorräte sind inzwischen mit dem Frachtschiff von Iquitos auch in Santa Clotilde eingetroffen und der Amigosteuermann hat seinen Platz am Ratterknatter - Tauchsiedermotor eingenommen. Haben wir’s doch gedacht, Pepe. Du hast dir einen billigen Rackermann angeworben. Wäre doch eine „buena experiencia para ti", diese ermüdende Arbeit selber zu machen – schliesslich kassierst du die Kohle. Von nun an tuckern wir gemächlich den breiten Fluss hoch. Immer wieder machen wir halt um ein paar Amigos mit einer Tour für die zwei Gringos auf einem der Napozuflüsse zu beglücken. Diese machen ihre Sache gut. So sehen wir trotz Jagdgebieten Tukane, einen Ameisenbär und Schlangen – immer nur flüchtig zwar, denn die Tiere sind hier ständig auf der Hut. Am eindrücklichsten ist der Abendausflug zu den schwarzen Kaimanen. Zwar bekommen wir die sieben Meter langen Ungetüme nicht zu Gesicht, aber wir hören sie rufen und ins Wasser gleiten. Nach ziemlich grossen Viechern tönt das, in der Abenddämmerung auf einem wackeligen Einbaum ein beängstigendes Gefühl. Kaum zu glauben ist auch, mit welcher Geschicklichkeit ein weiterer Amigo auf der Traumlagune bei Campo Serio mit der Harpune umgeht. Sein Wurf ist zielsicher und schnell, und während wir im pechschwarzen Wasser nichts als Baumspiegelungen erkennen, fischt er mühelos ein beachtliches Nachtessen.
Nach vielen unvergesslichen Begegnungen und Erlebnissen passieren wir am vierzehnten Tag die Grenze zu Ecuador. Die sonst übliche Wehmut beim Verlassen eines Landes bleibt für einmal aus. Wir sind froh, Peru heil überstanden zu haben, obwohl uns die haarsträubende Fahrweise der Autofahrer, die klebrig-gelbe Incakola und die bissigen Hunde fehlen werden. Aber wahrscheinlich warten in Ecuador ja genug neue Herausforderungen auf uns.

In Nueva Rocafuerte verabschieden wir uns von Pepe um am nächsten Tag die letzten Flusskilometer bis Coca (San Francisco de Orellana) mit dem Schnellboot hinter uns zu bringen. Dort steigen wir endlich wieder auf die
inzwischen stark vermissten Fahrräder um. Wir wählen die Hauptstrasse über Lago Agrio um nach Quito zu fahren
und merken dabei schmerzlich, was für eine verheerende Wirkung ein Monat Velopause auf die Waden haben kann.
Das ungemütliche Klima macht alles nur noch schlimmer. Von drückend heiss und schwül wechselt es innert Minuten zu einem alles ersäufenden Regen, der unsere Schuhdollars mantscht und die Goretexjacken der Lächerlichkeit preisgibt. Nach einem Drittel der Strecke kommt alles anders als geplant. Ein Fussweg stellt sich als zum Teil asphaltierte Strasse heraus und bevor wir uns recht versehen, fahren wir nach Norden Richtung Kolumbien. Ein bisschen Ungewissheit auf einer unbekannten Strecke und Sauen im Dschungelmatsch wären doch der passendere Abschluss für die beiden Pedalos als eine langweilige Hauptstrasse ohne Überraschungen...

Wunderbar beginnts - Teer, kein Verkehr, wild überwucherte Berge, kleine Dörfer, Wasserfälle, Schmetterlinge, Orchideen - böse endets. Die Erdpiste ist dermassen steil, dass nur noch Schieben bleibt. Schieben mit 2 km/h. Bedrückt rechnen wir aus, wie lange wir so für die vor uns liegenden achzig Kilometer brauchen. Unglücklich, aber einstimmig werfen wir das Handtuch. Eine Camioneta nimmt uns mit und so endet unser krönender Abschluss auf der Ladebrücke eines verschissenen Viehtransporters. Bei Julio treffen wir auf die Panamericana und damit auf die Anden, die uns mit ihrem stark kultivierten und grünen Gesicht allerdings gar nicht wie unsere Anden, sondern eher wie das Emmental vorkommen.
Die Abfahrt ins heisse Chotatal belehrt uns eines besseren. Zuckerrohrplantagen und Afroecuadorianer in der Sierra gibts hier zur Abwechslung, bevor wir nach einem erneuten Anstieg Otavalo erreichen. Dort hätten wir eigentlich nur kurz bleiben wollen, aber zum zweiten Mal kommt alles anders als geplant. Wieder eine Dauerhockstellung, dieses Mal aber mit Gliederschmerzen und Fieber. Das tönt verdächtig nach Malaria. Die Hotelbesitzer empfehlen uns einen Arzt in der Clinica San José. Eine Spezialklinik für Familienplanung stellen wir beim Betreten der Gänge fest und sind etwas irritiert - bleibt nur gute Hoffnung. Der Arzt interessiert sich aber mehr fürs WM- Fieber als das seines Patienten und so ist nach einem kräftigen Händeschütteln auch sofort klar, dass die Schweizer gerade gegen Paraguay spielen und der Kranke nicht Malaria, sondern Typhus hat. Nun, wer Suecia für Suiza hält, bei dem ist wohl auch Malaria und Typhus das gleiche – denken wir und nehmen trotz negativem Bluttest Rücksprache mit unserem Tropenarzt in der Schweiz. Glücklicherweise gehört der Durchfall nicht zu den Malariasymptomen und so kommt unser Antibiotika, das wir nun fast ein Jahr durch Südamerika gekarrt haben doch noch zum Einsatz. Die dreissig Kapseln des hiesigen Produkts, das trotz gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen immer noch verschrieben wird, wandern in den Abfall.

Für unsere Zwangspause hätten wir es schlimmer treffen können als mit Otavalo. Das Städtchen mit seinen würdevoll gekleideten Indigenas gefällt uns und der Samstagsmarkt hat trotz Touristenschnickschnack noch ursprüngliche Teile. Beim Viehmarkt scheint die Zeit stillzustehen und doch ist der Ort von purem Leben erfüllt. Bodenständige Bäuerchen und verhutzelte Mütterchen feilschen um quiekende Schweine und knochige Kühe. Ihre faltigen Gesichter erzählen Geschichten. Zerfurcht wie die Landschaft, alt und spannend wie der erdige, braune Marktplatz, auf dem sich wohl schon ihre Abuelos zum Handeln eingefunden haben, und den auch ihre Kinder jeden Samstag genauso betreten werden. Dieser unspektakuläre, verdreckte Platz am Stadtrand strahlt mehr Geschichte aus als jedes historische Denkmal. Auch der Früchte- und Gemüsmarkt zwischen keiffenden Marktweibern, drahtigen Schleppern und zerquetschten Bananen ist ein Sinnesabenteuer.
Tags darauf können wir endlich die letzten Kilometer bis Quito in Angriff nehmen. Rasende Busse, schlechtes Wetter, geschwächte Muskeln und erneuter Durchfall machen die Strecke zur Qual. Trotzdem können wir jetzt nicht aufgeben: Das Äquatormonument an der Panamericana, symbolischer Endpunkt unserer Reise spornt uns an – und es liegt so nah! Der Adrenalinschub lässt dann auch alle Mühsal verfliegen, als die steinerne Erdkugel am rechten Strassenrand endlich auftaucht. Elf Monate sind wir nun unterwegs, 14`500 Kilometer haben wir auf unseren Fahrrädern zurückgelegt. Was wir dabei erlebt haben, lässt sich nicht messen. Ein unbeschreiblicher Augenblick. Die Leute drehen verwundert ihre Köpfe, als wir uns in die Arme fallen, können nicht verstehen, warum ein simpler Stein eine solche Freude in uns auslöst. Wir sind in Ecuador, wir sind am Äquator, wir sind am Ziel. Am nächsten Tag stehen wir in Quito. Stehen wir am Ende unserer Reise? Uns bleibt noch knapp ein Monat. Zeit für eine Zugabe. Zeit für ein bisschen mehr...

19. Juli 2006 - 14 500 Kilometer