Cotopaxi

Nach einer ausgiebigen Ruhepause in Ecuadors Hauptstadt bepacken wir unsere Räder zum letzten Mal. Mit einem kopierten Stadtplan in der Hand und einer mündlichen Wegbeschreibung im Ohr suchen wir die Ausfahrt aus der hektischen Grossstadt. Busse, Autos und Motorräder erkämpfen sich ihren Platz und die zwei Exoten mit ihren Fahrrädern werden immer näher an die Mauer gedrängt. Bald einmal reicht es uns. Ein Jahr unfallfreies Reisen wollen wir nicht während der letzten Tage als zerquetschte Fliegen an der Wand abschliessen. Bei der nächsten Ausweichstelle halten wir an, stoppen ein Taxi, werden rasch handelseinig und verladen unsere Siebensachen in den Kofferraum. Fünfzehn Kilometer weiter merken wir nur noch wenig vom dichten Verkehr und radeln ungestört los. Weshalb haben wir das nicht schon in Buenos Aires so gemacht? Auf kleinen Nebenstrassen fahren wir südwärts dem Cotopaxinationalpark entgegen. Bald einmal verabschiedet sich der Asphalt und wir holpern auf dem Greuel aller ungefederter Radler weiter. Kopfsteinpflaster. Nur gut, dass wir mehr schieben als fahren. Unser Strassensteckbrief können wir bald um einen weiteren Punkt ergänzen. Argentinier bauen die geradsten Strassen, Bolivianer die schlechtesten und Ecuadorianer die steilsten.

Nach zwei Tagen wildgepeitschtem Paramo erreichen wir das Eingangstor zum Park und kurz darauf die teure Tambopaxilodge. Wir kampieren – und zahlen trotzdem soviel wie sonst für ein Hotelzimmer. Luxus für erschöpfte Berggänger auf 3000 Meter Höhe. Und wer hats erfunden? – Die Schweizer natürlich.
Am nächsten Tag besteigen wir zusammen mit unserem Bergführer Hugo den Gipfel des Ruminahui. Damit sind wir genug akklimatisiert um uns dem letzten grossen Abenteuer zu stellen: Der Besteigung des 5897 Meter hohen Vulkans Cotopaxi.
Die Rucksäcke drücken schwer, als wir vom Parkplatz aus die rund 500 Höhenmeter zum Refugio erklimmen. Kein Wunder, stellen wir doch oben beim Auspacken fest, dass wir unter anderem vier Liter Milch und zwei Gläser Konfitüre hochgeschleppt haben – und das für ein Abend- und ein Morgenessen. Wir lassen uns das vorzüglich zubereitete Drei-Gang-Menu auf 4800 Metern auf jeden Fall schmecken, bevor wir in den Schlafsack kriechen. Das Rumoren im Magen jedenfalls hat nichts mit einem leeren Bauch zu tun. In sechs Stunden wird uns Hugo wecken... ob wir den Aufstieg schaffen werden?

Ein Uhr morgens. Der Wind pfeift um das Refugio Jose Rivas, Aufbruch am Cotopaxi, 4800 Meter über Meer. Gefrorener Nebel und verirrte Schneeflocken peitschen uns ins Gesicht und verpassen uns einen Eispanzer. Bald spüren wir nur noch die Wärme der Anstrengung. Die Steigeisen krallen sich ins Gletschereis, der Pickel folgt, im Rhythmus. Schritt, Schritt, Pickel - Schritt, Schritt, Pickel - Seitenwechsel. Wir steigen dem Seil nach, unserem Bergführer nach, in vollem Vertrauen, überholen eine andere Seilschaft, langsam, in Zeitlupe. Ein Blick zurück, unter uns liegt Quito, ein Lichtermeer in der Ferne. Ein Blick hinauf – das Firmament, ein Sternenmeer.

Wolken steigen auf, hüllen uns ein und schlucken beides. Die Kälte nimmt zu, wie immer in den Morgenstunden. Sie ist schneidend und durchdringt alles, verspottet unsere Thermokleidung, macht es sich in den Handschuhen bequem, kriecht in die Köpfe und lähmt unsere Gedanken. Pause: Kurz verschnaufen, im Schutz einer Eiswand, neben uns ein Märchenschloss aus Eiszapfen, das aus der Schwärze wächst. 5500 Meter: Ein Griff zum Himmel, Himmelsstürmer. Die Zeit vergeht. Die Dämmerung küsst die Sterne weg. Vor uns liegt der zweite Herzensbrecher. "El secundo rompe corazon", die gefürchtete Steilhangpassage vor dem Top - nicht zurückschauen, vorwärtsdenken! Die Sonne steigt über den Horizont, erreicht mit uns den Gipfel, strahlt mit uns um die Wette. Wir habens geschafft.
27. Juni 2006 - 06.15 Uhr - al cumbre (5897 M.ü.M.)