Inkareich

La Paz ist von ihrer Lage her eine faszinierende Stadt. Millionen von Menschen leben im engen Talkessel und die Nevados de Illumani bieten eine eindrückliche Kulisse hinter dem Häusermeer. Trotzdem mag uns die Metropole nicht zu fesseln. Dafür fesselt uns aber schon nach wenigen Tagen Schlemmen in den für Bolivien ungewohnt feinen Restaurants das Bett. Montezumas Rache erwischt uns fürchterlich. Zwei Tage lang liegen wir flach und vertiefen die freundschaftlichen Beziehungen zur Toilette. Danach ist das Gröbste überstanden. Auf dem lang erwarteten Ausflug hinunter in die dampfenden Nebelwälder der Yungas schlottern unsere Kleider kräftig durch die verlorenen Kilos.
Der "camino de la muerte" klebt als meist einspurige Fahrbahn an steilen Bergflanken und führt immer knapp am Abgrund in engen Kurven in die Tiefe. Wasserfälle und Bachläufe überfluten die Strasse und der durch den krassen Klimakontrast herrschende Nebel macht die Lehmpiste glitschig. Mutig stürzen wir den Bussen hinterher und vertrauen auf unsere Bremsen. Oft halten wir den Atem an, wenn wir den haarsträubenden Kreuzungsmanövern der Camionetas zuschauen. Nicht immer enden diese gut, viele Kreuze am Strassenrand zeugen von der Gefährlichkeit der Strasse und zeigen, dass sie den Namen "Todesstrasse" wohl nicht zu Unrecht trägt.

Nach rund achzig Kilometern Downhill erreichen wir Coroico. Die Finger sind vom ständigen Bremsen verkrampft und lassen sich kaum mehr bewegen – und die in La Paz neu montierten Bremsklötze sind auch schon am Ende. Die Luft ist angenehm warm, Grillen zirpen und Vögel singen. Bananenstauden wachsen am Strassenrand und an den Hängen sehen wir Terassen mit Cocapflanzungen. Vielen Menschen sieht man ihre afrikanischen Wurzeln an. Kein Wunder, waren ihre Vorfahren doch für die Minenarbeit eingeschleppte Sklaven. Bald stellte sich allerdings heraus, dass sie dem rauhen Klima und der Höhe nicht gewachsen waren, und so setzte man sie in den Cocaplantagen der Yungas ein.
Coca, Fluch und Segen. Cocakauende Menschen sind für uns seit dem Norden Argentiniens ein alltäglicher Anblick geworden, denn Coca ist aus der Kultur der Indigenas nicht wegzudenken. Das Kauen der Blätter, zusammen mit Asche, die die stimulierenden Stoffe freisetzt, betäubt den Hunger und erhöht die Leistungsfähigkeit. In der harten Umgebung des Altiplanos ein wichtiger Begleiter, der auch das Sozialleben prägt. Freundschaften und sogar Hochzeiten werden mit Cocablättern besiegelt, Mate de Coca ist Nationalgetränk und als Opfergabe an die Pachamama, die Mutter Erde werden sie zum spirituellen Symbol. Erst die westliche Gesellschaft hat daraus in ihrem Unverständnis ein gesundheitsgefährdendes Suchtmittel produziert. Das Kokain, ursprünglich als bahnbrechendes Arzneimittel gefeiert, heute seinem Zweck und Ursprung entfremdet.

Nach zwei entspannten Tagen kehren wir mit dem Bus nach La Paz zurück und starten am nächsten Morgen Richtung Titicacasee. Der Altiplano ist für einmal so, wie man ihn sich ja eigentlich vorstellt, nämlich flach und wir kommen rasch vorwärts. Zwei Tage später sind wir in Copacabana, einem Wahlfahrtsort und Startpunkt für den Besuch der Isla del Sol.
Wir verbringen einen Tag auf der Insel, besuchen die Ruinen des Sonnentempels und wandern auf einem alten Inkaweg zu ihrem südlichen Ende. Das tiefblaue Wasser und die friedlichen Buchten erscheinen dem kargen Altiplano entrückt - verständlich, dass die Menschen den Ort als heilig betrachten.
Am nächsten Tag passieren wir die Grenze zu Peru. Adios Bolivia... Bolivien hat uns nichts geschenkt, denn es hat nichts zu verschenken. Den Leuten, die hier leben ebensowenig wie den Radfahrern, die es erleben wollen. Jede Ähre einer Ernte auf dem Altiplano bedeutet harte Arbeit. Zweifellos haben auch wir hart gearbeitet, denn unsere Erinnerungen leuchten wie ein prallvoller Kornkeller. Wir schicken den schlechten Strassen ein letztes Fluchwort nach. Es wird irgendwo in den tiefen Falten der Cordillera verhallen. Zurück bleibt unsere Liebe zu diesem Land und zwei unvergessliche Monate Radreise.

Der Grenzübertritt nach Peru verläuft problemlos und nach zwei Tagen radeln wir in Puno ein, dem peruanischen Touristenort am Titicacasee. Von dort aus besuchen wir die Isla Taquile und die schwimmenden Inseln der Uros. Die Taquilaner sollen berühmt für ihr Traditionsbewusstsein sein. Jedes Kleidungsstück hat eine besondere Bedeutung, so schaut frau zum Beispiel den Männern auf die Mütze, um zu sehen, ob diese noch zu haben sind... Ob das Ganze aber noch viel mit Traditionsbewusstsein zu tun hat, bezweifeln wir. Uns erscheint es eher wie ein inszeniertes Theaterstück, wo jeder Bewohner seine festgelegte Rolle spielt. Männer sitzen mit einer Strickarbeit auf der Treppe, Frauen laufen mit der Spindel über die Plaza und Kinder posieren mit einem Blumenstrauss in den Armen für Fotos.
Der Besuch auf den Schilfinseln der Uros verstärkt bei uns den Eindruck, hier nicht alte Traditionen, sondern eine vom Tourismus zur Farce verkommene Show zu erleben. Die Leute, gefangen zwischen ihrer eigenen Identität und der Vergangenheit, die ihnen Geld bringt. Ein Stück lebendige Andenkultur? Für uns nicht. Am Abend schlüpfen wir mit einem schlechten Gefühl ins Bett. Der Ausflug hat uns zwar schöne Bilder eingebracht, wir würden ihn aber wohl nicht noch einmal machen.
Bei Regen und Kälte verlassen wir Puno. Unser Weg führt über den 4300 Meter hohen Abra la Raya ins Herzland der Inkageschichte und schon bald sonnen wir uns in Cusco am Nabel der Welt.

Cusco ist schön und teuer. Nachdem wir einmal mehr ein Paket mit Souvenirs zur Post gebracht haben, merken wir, dass wir zum Wohle unseres geschröpften Portmonees langsam aber sicher aufbrechen sollten. Kurz vor der Abfahrt entdecken wir jedoch in beiden Hinterradfelgen beachtliche Risse – muy malo, so können wir nicht weiter. Es ist schon Tradition, dass wir Städte immer etwas später als geplant verlassen. Von nun an fahren die Gringos noch auffälliger mit einer gibeligelben und einer knallroten Billig-Felge. Der Velomechaniker meinte voller Überzeugung, dass die bis in die Schweiz halten sollten. Das hoffen wir auch, doch da Hoffnung alleine im Notfall nichts nützt, schnallen wir auch noch eine Reservefelge auf den Gepäckträger. Die leuchtet uns jetzt den Weg nach Ecuador, das wir über das Amazonasbecken erreichen wollen.
Bis Abancay fahren wir ein paar höllisch anstrengende Pässe auf Teer, immer runter auf 2000 und dann hoch auf 4000 Meter. Danach wirds Schotter, doch das Pässeklettern bleibt sich gleich. Wir verspüren absolut keine Lust auf diese Strecke und verladen in den Bus. Für die gut dreihundert Kilometer bis Ayacucho braucht er siebzehn Stunden.

Ayacucho ist wie Cusco eine Kolonialstadt, die allerdings noch nicht vom Tourismus entdeckt worden ist. Lange Zeit war sie das Zentrum der Guerillabewegung "sendero luminoso". Die Kämpfer sind mittlerweile verschwunden, die Stadt ist verarmt. Ehemals prachtvolle Bauten verfallen, überall blättert die Farbe ab. Wir bleiben nur solange um unser Schlafmanko auszugleichen und fahren danach mit dem Velo weiter nordwärts, durch das Tal des Rio Mantaro auf einer trockenen Staubpiste mit einigen kleinen Dörfern ab und zu. Die Menschen sind verschlossen. Oft tönt das Gringo wie ein schlimmes Schimpfwort und Steine fliegen in unsere Richtung. Wir fühlen uns alles andere als willkommen und Warnungen vor Überfällen verstärken das ungute Gefühl noch mehr. Unsicherheit wird zu unserem neuen Reisebegleiter. Wir beginnen den Menschen zu misstrauen, geben falsche oder ungenaue Auskünfte zu unserer geplanten Strecke, um uns nicht selbst eine Falle zu bauen, wählen die Personen genau aus, die wir nach dem Weg fragen. Peru beginnt aufs Gemüt zu drücken und freundliche Begegnungen werden zu immer wichtigeren Motivationsspritzen. So, als wir bei einer Hirtenfamilie kampieren dürfen und sich unsere Zeltapsis nach und nach mit neugierigen Kindern füllt, die uns Löcher in den Bauch fragen, oder als wir kurz vor dem Eindunkeln bei Marco, einem Besitzer eines kleinen Strassenladens vorbeischneien und er uns mit unglaublicher Herzlichkeit "mi casa es muy chiquita, pero mi corazón muy grande" zum Übernachten einlädt.

Immer deutlicher merken wir, dass die Peruaner nur auf den ersten Blick unfreundlich wirken und sich hinter einer Fassade aus Misstrauen, Angst und Abneigung meist liebenswerte Menschen verbergen, die uns wann immer nötig vorbehaltlos weiterhelfen. So erreichen wir unbeschadet Huanuco, die letzte grosse Stadt vor der Abfahrt in die Selva. Von nun an rollen wir auf der allseits bekannten und berüchtigten Drogenroute Perus. Wir beschliessen die Strecke trotz gewissem Sicherheitsrisiko selber zu radeln, treffen allerdings Vorsorge. Eine Passkopie und einige Dollarscheine verstecken wir unter Präsident Lincolns Nasenrümpfen in unseren Schuhen, alle wichtigen Dokumente tragen wir auf dem Körper, das Zelt versinkt im Winterschlaf und nach der Dämmerung lassen wir uns nicht mehr draussen blicken. Doch noch mehr als alle Banditen werden "des Menschen treuster Freund" zur Plage. Immer wieder stürzen die verfluchten peruanischen Köter zähnefletschend hinter uns her. Zuerst schreien wir uns fast heiser, doch mit wachsender Wut greifen wir zu drastischeren Mitteln. Neu führen wir immer ein paar Steine als Wurfgeschosse mit uns, um uns gegen die geifernde Meute zur Wehr setzen zu können. Obwohl wir miserable Schützen sind, ergreifen nun meistens die Hunde mit eingezogenem Schwanz die Flucht – und nicht mehr wir, wie zu Beginn unserer Reise.

Nach einem letzten Pass und einem vertrauens-erweckenden Warnschild "Vermeide es dich umbringen zu lassen – nimm keine Anhalter mit..." sausen wir auf wenigen Kilometern durch alle erdenkliche Klimazonen hinab ins Amazonastiefland.
Endlich radeln wir wieder durch dichtes sattes Grün und können Handschuhe und Wollmütze im hintersten Winkel unserer Packtaschen verstauen. Wir schnuppern ein bisschen Urwaldpistenluft, denn der auf der Karte eingezeichnete Teer von Tingo Maria nach Pucallpa ist den höllischen Klimabedingungen schon längst zum Opfer gefallen. Nach einer Stunde schlimmstem Geholper in den dichten Staubwolken der zahlreichen Camionetas hätten wir die Nase eigentlich voll davon. Es geht aber noch drei Tage, bis wir unseren Job als Staubsauger, Wasserverdunster und Schockabsorber auf dem Highway to the hell endlich künden können. Ohne zu zögern überlassen wir unsere zwar vielseitige, in den Aufstiegsmöglichkeiten aber doch sehr beschränkte Stelle mit den besten Empfehlungen allen kommenden Radlern, denn in Pucallpa finden wir endlich eine erfüllendere Beschäftigung. Wir versuchen uns als Matrosen und schippern auf der Henry 4 die nächsten Tage einer der Amazonaszuflüsse runter nach Iquitos.

Achthundert Kilometer schaukeln wir in unserer Hängematte ab, eingeklemmt zwischen Hühnern, Papageien und Peruanern und lernen, beim Toilettengang die Luft anzuhalten. Obwohl wir darin gute Fortschritte erzielen, sehnen wir uns schon bald nach Geschäften, die länger als drei Minuten dauern dürfen. Wir sind froh darüber, unseren eigenen Kocher und Proviant dabei zu haben und nicht am täglichen „Flusswasserreishühnchenfrühstückmittagabendessen" teilnehmen zu müssen. Die Reise an Deck ist ein spannendes Abenteuer, die Aussicht auf den kilometerbreiten, immergleichen braunen Strom ist es nicht. Nur dank der aus der Schweiz erhaltenenen Bücherkiste bleibt uns von den drei Tagen kein Dauergähnen im Gesicht kleben und am letzten Tag sehen wir sogar noch Flussdelfine.
Das Knattern des Schiffsmotors ersetzt sich übergangslos mit dem der Mototaxis, als wir und unsere Velos mit Hilfe von zwei muskulösen Schauermännern am Abend des dritten Tages unseres Matrosenlebens in Iquitos wohlbehalten über Bord gehen – gefeuert wegen Nichtstun. Müssiggang ist aller Laster Anfang...
19. Mai 2006 - 14 000 Kilometer