Paso de Agua Negra

Einen Tag ruhen wir uns im schattigen Garten von "Marias Casa" aus, verputzen dabei nahezu fünf Kilo Früchte und stärken uns so für den bevorstehenden ersten grossen Andenpass - den Paso de Agua Negra. Topfit starten wir am nächsten Tag zu unserer Tour in die Berge. Am Mittag erreichen wir das Dörfchen Vicuña im Valle del Elqui, einem Oasental inmitten trockener, sonnenverbrannter Hügel. Gabriela Mistral hat hier als Lehrer- und Dichterin gewirkt, aber das interessiert uns jetzt ebensowenig wie ein Besuch des nahen Weltraumobservatoriums. Viel zu gespannt sind wir auf unser Passabenteuer, das von hier aus erst richtig beginnt. Nachdem wir unseren Vorrat in dem von der Siesta lahmgelegten Dörfchen zusammengesucht haben, rollen wir hinaus in die grünen Weinberge, angetrieben von einem kräftigen Rückenwind, der durchs Tal hinauffegt. Sanft und gleichmässig beginnt die Strasse zu steigen, die Luft ist erfüllt vom säuerlich-süssen Duft der Trauben, die an den knochentrockenen Hängen und auf dem Talboden für das Nationalgetränk Pisco heranreifen.

Bis zur Ansiedlung Huanta ziehen sich die Weinberge,dann rücken die Berge näher zusammen und mit den Menschen verschwindet jegliches Grün aus dem Tal. Hundertzwanzig Kilometer sind wir heute dem Pass näher gekommen und dabei fast 1500 Meter gestiegen.
Zufrieden mit dieser Leistung sind wir eben im Begriff einen geeigneten Zeltplatz zu suchen, als neben uns ein Pick- up anhält. "Wo wollt ihr hin?" erkundigt sich der freundliche Fahrer. "A Argentina", verkünden wir mit einem Leuchten in den Augen. Dieses erlischt jedoch jäh, als uns der Fahrer mitteilt, dass der Paso de Agua Negra zur Zeit geschlossen sei. Es habe auf der argentinischen Seite Schnee, ein Durchkommen sei nicht möglich. Wir glauben ihm zunächst nicht, haben wir uns doch in La Serena bei den Carabinieris nach dem Zustand der Strasse erkundigt und dabei versichert bekommen, dass der Pass von Dezember bis März befahrbar sei. Erst in der langen, schlaflosen Nacht beginnt der Zweifel an uns zu nagen. Was, wenn der Pass wirklich geschlossen ist?

Der Morgen bringt mit einem angehaltenen Auto Ernüchterung und Klarheit. Auch dieser Fahrer meint, dass die Zollstationen zur Zeit unbesetzt seien. Es ist also wahr, der Pass hat noch Wintersperre! Ein Hohn, bei den Litern Flüssigkeit die wir in den letzten Tagen verschwitzt haben. Die fünfundfünfzig Kilometer Rückfahrt nach Vicuña sind hart. Nicht wegen der Distanz, eher wegen der schleichenden Möglichkeit, dass die ganze Fahrt von Valparaíso bis hierher für die Katz gewesen sein könnte. Zusammen mit den Carabinieris in Vicuna erörtern wir unsere hoffnungslose Situation. Dass "die in Serena" falsche Auskünfte verbreiten, scheint bekannt zu sein. Es kann uns aber niemand sagen, wann der Pass aufgeht. Bald wird auch klar, dass wir die Schuldigen in Argentinien suchen müssen, denn die chilenische Seite sei schon lange befahrbar, und das Telefon der Argentinier zur Eröffnung überfällig. Da scheint ja ein unüberwindbares Kommunikationsproblem der beiden Nationen vorzuliegen. Mit dieser Einsicht verlassen wir das Polizeibüro nach einer Weile und beschliessen den schwierigen internationalen Austausch gleich selber an die Hand zu nehmen. Das Telefonat an den argentinischen Automobilclub ist einfach und aufschlussreich: In fünf Tagen werde der Pass geöffnet. Was sind wir doch froh über das Tempo der argentinischen Schneeschmelze!
So kommen wir in den folgenden Tagen doch noch zu einem Besuch des recht interessanten Dorfmuseums über Gabriela Mistral. Auch den Saturn mit seinen Ringen in der Sternwarte "Mamalluca" einmal echt vor Augen zu haben, ist ziemlich eindrücklich. Doch das ganze Programm kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir warten.

Am Sonntag 8. Januar dürfen wir dem uns mittlerweile wohlbekannten Vicuña endlich den Rücken kehren. Damit wir den gleichen Weg nicht noch ein drittes Mal abradeln müssen, lassen wir uns bis Huanta in einem Auto hochfahren. Von dort aus treten wir dann erneut topmotiviert in die Pedale. Als wir am Mittag in Juntas del Torro mitten in den Bergen endlich den Ausreisestempel in den Pass gedrückt bekommen, liegt das Intermezzo der letzten Tage zusammen mit der Teerstrasse bereits weit hinter uns.
Von nun an geht es auf einer gut fahrbaren Schotterpiste dem Rio Turbio entlang. Der Weg führt uns immer tiefer in eine aride, eindrückliche Bergwelt. Seit der Zollstation sind wir beinahe alleine. Die auf unserer Karte eingezeichneten Dörfer existieren nicht oder sind nur noch als Ruinen vorhanden, doch ab und zu kommen wir an kleinen Zeltlagern vorbei. Die Menschen versuchen hier mit dem einzigen Tier zu überleben, das in dieser kargen Landschaft etwas zum Knabbern findet: Ziegen. Die Strasse steigt weiter und die Beine werden schwerer. Zum ersten Mal spüren wir die Auswirkungen der immer dünnern Höhenluft. Wir keuchen an den kleinsten Hügelchen wie in der ersten Woche unserer Velotour. Gegen acht Uhr erreichen wir das heutige Ziel, die "Embalse de Laguna", einen Stausee auf 3100 Metern Höhe. Wir finden einen perfekten Zeltplatz auf dem Schuttkegel eines Baches. Die untergehende Sonne taucht die nahen Schneefelder in ein weiches Licht und auf dem See ziehen ein paar höhentaugliche Enten ihre letzten Runden. Ein unvergesslicher Abend.

Mit den ersten Sonnenstrahlen sind auch wir bereits wieder unterwegs. Die reine, dünne Luft und die absolute Stille wecken unsere Sinne und lassen uns die Hänge von «el Colorado» noch intensiver erleben. Mineralien haben die Gesteinsschichten eingefärbt und unter dem klaren, tiefblauen Himmel der Anden leuchten die Berge in den unglaublichsten Farben. Bald werden wir langsamer und langsamer. Der Körper passt in dieser Höhe seine Leistung an den knapper werdenden Sauerstoff an. Die «sanfte gleichmässige Steigung» erscheint uns nun wie ein steiler Anstieg. Die Strasse führt durch das immer enger werdende Flusstal weiter ostwärts dem Pass entgegen. Bei Ivo machen sich seit dem Mittag erstmals Kopfschmerzen bemerkbar. Wir schütten literweise Wasser in uns, von dem es am Agua Negra bis kurz vor dem Pass glücklicherweise genug hat. So geht es langsam aber stetig vorwärts bis sich der Fluss am Ende in mehrere kleine Bäche verliert und wir am Beginn der richtigen Passstrasse stehen.
In unendlich weiten Schlaufen windet sie sich innerhalb von zwanzig Kilometern auf die 4779 Meter der Passhöhe hinauf. Zuunterst treffen wir noch einmal auf einen Bach. Ob es wohl die letzte Möglichkeit ist an Wasser zu kommen? Wir beschliessen eine Weile zu warten und uns bei Autofahrern zu erkundigen. Doch wie so oft in Südamerika… eine Antwort erhält man immer, ob der Befragte nun Bescheid weiss oder nicht. Nach einer Stunde steht es eins zu drei: Einer beteuert, dass man immer wieder Wasser finde, die anderen drei meinen, es sei die letzte Möglichkeit zum Auffüllen der Vorräte. Dazu kommt, dass es Ivo ziemlich schlecht geht und so beschliessen wir, hier auf 4000 Meter Höhe und nach knapp dreissig Tageskilometern zu kampieren. Zweifel kommen auf. Ob wir noch weitere 700 Meter ansteigen können?

Nach einer überraschenderweise kopfschmerzfreien und erholsamen Nacht starten wir in einen kalten Morgen. Das Gras ist gefroren und Eisränder am Bach zeugen von den Temperaturen um null Grad. So gut hat uns der heisse Haferbrei schon lange nicht mehr geschmeckt und
gestärkt machen wir uns an die fehlenden zwanzig Kilometer. Die Landschaft ist nun wirklich hochgebirgig - Geröll, Felsen und Eis. Nie zuvor sind wir so weit oben gewesen. Demensprechend eindrücklich wirken die Gipfel der Sechstausender um uns herum. Leider wird der Weg massiv schlechter, der Schutt ist teilweise so weich, dass sogar Schieben unglaublich viel Kraft kostet. Nach jeweils hundert Metern halten wir an und warten bis sich das rasende Herzklopfen wieder soweit beruhigt hat, dass wir weiterkeuchen können. Stechende Kopfschmerzen begleiten nun unseren Anstieg und immer noch windet sich die Strasse scheinbar endlos höher und höher. Am Mittag verdrücken wir appetitlos einige chilenische Brötchen mit Tomatensauce und mobilisieren damit unsere letzten Kräfte. Immer weiter und weiter, vorbei an den ersten Feldern von "Penidentes", Schneefeldern, die die direkte Sonneneinstrahlung zu spitzen Zähnen geschmolzen hat. Schliesslich sehen wir hoch oben einen Fahnenmast – den Pass! Die Strasse verbessert sich wieder und zusammen mit dem Adrenalinschub bringen wir die letzten Kilometer fahrend hinter uns. Und ja, dann stehen wir am höchsten Punkt.

Aus den Augenwinkeln sehen wir ein paar uniformierte Männer weiter vorne, bevor wir uns in die Arme sinken. Wir haben knapp Zeit uns die Freudentränen aus den Augen zu wischen, als wir auch schon von ihnen umringt werden. Die Gruppe Militär klopft uns auf die Schultern, gratuliert und wünscht uns "Bienvenidos en Argentina". Kein Jubeltrupp, aber einen schöneren Empfang können wir uns kaum vorstellen. Zur Feier schenken sie uns zwei Orangen und ein paar „facturas" – wahrhaftig: Wir sind wieder in Argentinien! Bald haben sie ihre Funkübung beendet und wir stehen alleine auf dem Pass. Erst jetzt merken wir richtig, dass wir es geschafft haben und beginnen den Augenblick zu verewigen. Dabei vergessen wir die Kopfschmerzen und die Anstrengungen der letzten drei Tage – wir sind einfach nur überglücklich.

Die Abfahrt ins Tal des Rio Negro führt uns wiederum in flachen Kehren durch grosse Felder von "Penidentes", die im grellen Sonnenlicht weiss glitzern. Beim "Ojo de Agua", einer Quelle mit klarem Wasser bereits 1000 Meter unter dem Top schlagen wir schliesslich unser Zelt auf.
Am nächsten Tag geht es weiter runter. Kurz vor der ersten Zollstation "Guardia Vieja" beginnt sogar wieder die Teerstrasse, was das Abwärtsfahren noch schöner macht. Auch die Landschaft wirkt schon wieder ganz argentinisch: Puna, das ist wie Pampa, nur höher, denn schliesslich befinden wir uns immer noch auf 3000 Metern. Kurz vor Las Flores drückt uns ein unfreundlicher Zollbeamter den Einreisestempel in den Pass – der Agua Negra liegt endgültig hinter uns. Durch die Cuesta del Viento geht es weiter nach San Jose de Jachal – und der Name hält, was er verspricht. Der Wind scheint in Nordargentinien genau so zu Hause zu sein wie in Patagonien, nur dass er sich hier den sommerlichen Temperaturen von 40 Grad im Schatten angepasst hat. Als «Dörrobst» erreichen wir schliesslich das kleine Dorf, wo wir uns unter der Dusche den Staub und den Schweiss unseres ersten Anden „Higlights" vom Körper spülen.

San Jose de Jachal ist eine Enttäuschung. Eigentlich wollten wir hier ein paar Tage ausspannen und die Vorteile Argentiniens geniessen. Doch wo bleibt der gut bestückte Supermercado? Die süssen, klebrigen "Facturas"? Das gute Mittag- und Nachtessen? Unser gewohntes argentinisches Bild gerät durcheinander. Kleine Krämerläden säumen die staubigen Strassen, ihre Regale sind halb leer. Als wir am Mittag ausgeschlafen durchs Städtchen schlendern, stehen wir vor verschlossenen Türen. Siesta, und die dauert bis um zehn Uhr abends, erst dann kehrt das Leben in die Strassen zurück. Die Nacht bringt kaum Abkühlung. So sind wir nach einem Tag Pause mehr erschlagen als ausgeruht. Unvorstellbar unter einer solchen Sonne zu radeln. So suchen wir nach motorisierten Alternativen um nach Salta zu gelangen. Als wir am Abend zum Busbahnhof schlendern, zieht der Himmel mit Wolken zu und es beginnt zu tröpfeln und die bisher weit enfernte Regenzeit wird plötzlich real. Am nächsten Morgen ist der Himmel immer noch bedeckt und wir schwingen uns unter diesen günstigen Umständen sofort in den Sattel. Die Fahrt führt uns zuerst durch die abwechslungsreiche Cuesta de Huaco mit ihren verwitterten, rot leuchtenden Felszacken bevor sie auf die Ruta 40 stösst. Die gesichtslosen Andenausläufer, die von da an langsam zu unserer Linken vorbei ziehen, namenlose Büsche, die das weite Flusstal zudecken und die erneut aufkommende Hitze rauben der Landschaft jeglichen Reiz. Selbst die rostroten Felswände rechts vom Tal durchbrechen diese Monotonie kaum. Dann noch eher die vielen "Badenes", normalerweise trockene Flussläufe, die aber schon nach dem gestrigen kleinen Regenguss mit Schotter und klebrigem schokoladenbraunem Wasser gefüllt sind und uns zu mehr als nur einem Schlammbad verhelfen.
Kurz vor Guanacol werden wir von der Fruchtfliegenpolizei angehalten. Eigentlich sollten die alles frische Obst an der Provinzgrenze beschlagnahmen, doch die vier Orangen auf dem Gepäckträger interessieren sie überhaupt nicht, dafür umso mehr unsere Pässe. Darin finden sie aber trotz langem Suchen keine Fruchtfliegen. Der Posten scheint sowieso der einzige Ort zu sein, wo es diese Viecher gibt.

Ein paar Meter später kündet ein Schild die in wenigen Kilometern kommende ACA Tankstelle mit Duschen und Zeltplatz an. Das passt prima, denn der Abend bricht an. Am Posto wird aber mehr Sprit getrunken als abgefüllt und so lädt der Platz nicht zum Übernachten ein. Das Bett im bescheidenen Hospedaje des Dorfes ist uns lieber. Am nächsten Tag treffen wir um neun Uhr einen radelnden Australier, der die Morgenfrische genutzt und schon
vierzig Kilometer in den Beinen hat. Die Begegnung weckt ein unbestimmtes Grauen, das sich bewahrheitet als auch wir uns am nächsten Tag um fünf Uhr aus den Federn schälen. Selbstschutz vor Verdampfung!
Von Villa Union machen wir einen Autoausflug in die nahen Nationalpärke. Einen Tag lang bestaunen wir die pilzförmigen Türme, tiefen Krater und glattgeschliffenen Steinkugeln im argentinischen Valle de la luna und wandeln im Talampaya Canion als Winzlinge zwischen meterhohen rotleuchtenden Felswänden.

Die Weiterfahrt durch die Cuesta de Miranda ist nicht weniger beeindruckend. Das frische Grün und die roten Felsen unter dem blauen Himmel schaffen intensive Farbgegensätze. Immer wieder müssen wir anhalten, um an den riesigen Kakteen emporzustaunen, die nach einem Regentag zur Blüte erwacht sind. Viel zu schnell liegt diese Bilderbuchlandschaft hinter uns. Als wir Chilecito erreichen, stecken wir schon wieder mitten in einer endlosen Geraden.
Leider gibt es hier keine Möglichkeit zum Busverlad in den Norden und eigentlich sind wir der Meinung, dass langweilige Strecken auch zu einer "Viaje en bicicleta" gehören. Mit diesem Motto rollen wir am nächsten Tag aus dem Städtchen heraus, als uns ein unnötiges Schild mit der Aufschrift "larga vista" auch gleich das Tagesprogramm bekannt gibt. Hundert Kilometer "Weitsicht" – ein wahrer Augenöffner. Nach fünfzig Kilometern beginnen wir unser Motto zu hinterfragen, nach neunzig finden wir es nur noch blöd. Zum Glück kreuzt sich nach dem Mittag die Ruta 40 mit der Strasse von Catamarca, wo auch Busse herkommen. Wir beschliessen, bis Santa Maria einen Schattenplatz der unmenschlich heissen Linealradelei vorzuziehen. Um halb fünf käme der Bus, erfahren wir an der Polizeistation. Er kommt dann um 22.00 Uhr und fährt nur bis Belen, Anschluss am nächsten Morgen früh. So bleibt uns genug Zeit zu überlegen, ob wir uns auf der Strecke von Buenos Aires zur Peninsula Valdez wohl tatsächlich einen Pampaknacks eingefangen haben und ob es wirklich weniger langweilig ist, stundenlang an Bushaltestellen die Zeit totzuschlagen. Etwas erstaunt sind wir Tags darauf über den klapprigen Überlandbus, der uns erwartet. Als sich der Fahrer im überfüllten Bus bekreuzigt, das Pedal auf den Boden tritt und trotzdem im Schneckentempo davonröhrt, schwant uns nichts Gutes. Keine klimatisierte Geradeausfahrt, sondern eine ungemütliche Rütteltour über die wieder einmal ungeteerte Ruta 40. Zu unserem Ärger wird die Strecke zwischen Belen und Huaci, die durch ein tiefes Flusstal, über eine farbenfrohe Cuesta und einer schroffen Quebrada entlang führt noch wirklich schön. Doch ein Blick durch die Frontscheibe beruhigt uns. Die Busfahrt ist trotzdem eine gute Entscheidung, denn kilometerlanges Wellblech und ein gutes Dutzend tiefversandeter Flussläufe wären nicht gerade eine Genussradelei gewesen. Dazu machen viele spannende Landleute, die ein- und aussteigen die klapprige Busreise zum Erlebnis. Am Ende zieht sich wieder schnurgerades Teer endlos durch eine brutheisse Ebene nach Santa Maria und wir sind froh für einmal keiner dieser nur psychologisch interessanten Strecken ausgeliefert zu sein.

Die Nacht in Santa Maria wird kühl und es verschneit alle Fünftausender um uns herum. Trotzdem gehören wir wieder zu den Frühaufstehern, wohlwissend, dass die Frische kaum den halben Tag anhalten wird. So ist es am Mittag in Cafayate, wo die gekühlte Cola innerhalb weniger Minuten lauwarm wird, auch schon wieder gnadenlos heiss.
Von dort biegen wir freiwillig von der Teerstrasse nach Salta ab, um auf der Ruta 40 durch das Valle Calchaquies einen Umweg zu fahren, auf den wir uns schon lange freuen. Die Piste führt mitten durch wilde Quebradas, um rostfarbene Tafelberge, durch fruchtbare Oasenfelder und über staubtrockene Kakteenhänge. Einfache Lehmhütten drücken sich an Felswände und ab und zu säumen Adobebauten im Kolonialstil die "Strasse". Landschaftlich ein Traum, vielfältig und spannend, doch der Weg eine Tortur. In unserem Bikebuch meinen die Schreiber, dass man wegen dem oft weichen Feinkiesbelag hier nur langsam vorankomme. Wir meinen, dass es hier mehr Lehm und Sand als Feinkies gibt, und das ist nach den nächtlichen Regenfällen eine ziemliche Sauerei. Und wenns mal nicht saut, dann holperts. Am zweiten Tag spüren wir jeden Knochen und haben blaue Flecken am Hintern.

Wir sind überhaupt nicht traurig, als wir zehn Kilometer hinter Molinos auf die Ruta 42 stossen, mit der wir die Schütteltour etwas abkürzen können. So oder so ein guter Entscheid, denn die Strecke führt mitten durch den Cardones Nationalpark. Mit einer gehörigen Portion Unterschätzung brechen wir zur 3300 Meter hohen Passhöhe auf (ist ja nur ein kleiner Hügel...). Die unerwartet ausgedörrte Landschaft und nur zwei volle Wasserflaschen bringen uns beinahe in ernsthafte Schwierigkeiten. Kurz vor dem Umkehren bekommen wir aber von einem Jeepfahrer, der hier Touristen durch die Gegend karrt zehn Liter Ersatzkühlerwasser. Das rettet nicht nur unseren Aufstieg, sondern auch Brigittes Geburtstag. Nach dem "Piedra del Molino" ändert die Landschaft schlagartig.
Zuerst noch etwas zaghaft, dann verwegen schlittern wir die regennassen, alpin anmutenden Hänge der Cuesta del Obispo hinunter und rollen später durch dichtes Regenwaldgrün. Schmetterlinge umflattern uns als wir auf der Asphaltstrasse von El Carril durch weite, zur Ernte bereite Tabakfelder nach Salta hineinfahren. Hier finden wir endlich das vermisste Argentinien wieder. Schattige Pärke, kühle Milkshakes (Licuados) und zum Frühstück fette Tortenstücke machen uns wieder fit. Mit Kino, Museum, feinen Restaurants und einer Seilbahnfahrt (made in Switzerland) zum Aussichtspunkt San Cristobal feiern wir ein halbes Jahr Reise und 9800 Kilometer Fahrt.

29. Januar 2006 - 9800 Kilometer