Paso Sico

Nach acht Tagen "Ferien vom Fahrrad" machen wir uns zu unserer zweiten Andenüberquerung auf. Zur Auswahl stehen zwei Übergänge: Zum einen der Paso Jama, asphaltiert, mit LKW-Verkehr und Wassernachschubproblem, zum anderen der Paso Sico, grösstenteils Wellblech- und Sandpiste, einsam mit einem Verkehrsaufkommen von ein bis zwei Autos pro Tag, dafür alle achtzig Kilometer Wasserstellen. Die nette Dame in der Touristeninformation in Salta will uns unbedingt über den Jama schleusen "por favor, es muy peligrosa la puna!" Wir entscheiden uns für den Sico – es reizt das Abenteuer und die schöne Landschaft. Natürlich gäbe es auch noch den direkten Aufstieg von Salta nach Bolivien, aber dann würden wir unseren Traum die Reserva Nacional Eduardo Avaroa mit ihren Lagunen und den Salar de Uyuni mit dem Rad zu durchfahren schon frühzeitig aufgeben müssen. Dies wäre sicher vernünftig jetzt in der Regenzeit – doch wer von uns beiden ist schon vernünftig? Dazu kommt, dass wir Österreicher auf dem Radl treffen, die gerade die Abenteuerroute über den Salzsee und den Sicopass "überlebt" haben – auch nicht ganz vernünftig, aber sehr sympathisch. Von da an steht unsere Tour fest.

Nach sorgfältigen Vorbereitungen und eingehenden Internet- Routerecherchen (die Österreicher sind immerhin dort oben fast verdurstet) verlassen wir ein paar Tage später Salta. Vorbei an Bonzenvillen durchfahren wir die grüne Goldküste der Stadt Richtung San Antonio de los Cobres. Immer in Sichtweite liegt die Zuglinie des berühmten "Tren a las Nubes", der allerdings schon seit längerer Zeit nicht mehr in Betrieb ist. Doch die Schienen sind noch da und nicht nur sie steigen kontinuierlich auf zu den Wolken, sondern auch unser Fahrweg, der sich nach dem kleinen Ort Campo Quijano in eine steinige Schotterpiste verwandelt. Noch sind die Hänge grün, feine Nebelschleier zieren die Gipfel und ein brauner Fluss wälzt sich träge talabwärts. Am späteren Nachmittag durchfahren wir die Quebrada del Toro, eine rotbraune Felslandschaft und rätseln dabei wieder einmal über das südamerikanische Prinzip der Asphaltverteilung, denn für die anstehende erste Passüberfahrt besteht der Untergrund aus feinstem Teer. Die Nacht verbringen wir auf 2800 Metern in einem kleinen Dorf, wo wir unser Zelt unter der gedeckten Terrasse einer Pension aufstellen dürfen.

Am nächsten Tag überwinden wir den 4080 Meter hohen Abra Blanca . Ein kalter Wind und eine schwarze Wolkenfront im Rücken lassen uns die erste Passhöhe nicht richtig geniessen und rasch machen wir uns an die Abfahrt. Unsere Strasse trifft auf die Ruta 40, die uns mit ihrem gewohnt schlechten Zustand schon gar nicht mehr überraschen, geschweige denn schockieren kann. Die letzten Kilometer bis San Antonio ziehen sich so in die Länge, doch am Abend blicken wir schliesslich doch auf die hässliche Minenarbeiterstadt, die für die nächsten zwei Tage Höhenakklimatisation unser Zuhause wird.
Mit Proviant für vier Tage und einem gefüllten Wasserkanister treten wir in der frühen Morgenstille hinaus in die menschenleere Puna. Obwohl es die ganze Nacht geregnet hat, ist die Piste gut fahrbar und bald einmal merken wir auch, dass sich die zwei Tage Aufenthalt in San Antonio auszahlen. Es geht uns viel besser als am Agua Negra und der Aufstieg zum zweiten Pass "Alto Chorillo" auf 4500 Metern erleben wir ohne Kopfschmerzen. Dafür müssen wir ziemlich schnaufen und es gibt auch mal blaue Fingernägel. Dort feiern wir in kalter Höhe 10 000 Kilometer Veloreise, was Ivos Hinterreifen auch prompt mit dem ersten Platten quittiert. Eine einmalige Erfahrung – hoffentlich: Plattenflicken auf 4500 Metern! Nach diesem Intermezzo rollen wir abwärts. Zu beiden Seiten türmen sich zum Greifen nahe schwarze Gewitterwolken und grelle Blitze zucken über den Himmel. Das jagt uns den Schrecken in die Knochen, aber es ergeben sich fantastische Stimmungen. Wir befürchten schon das Schlimmste, einer der waagrechten Hagelschauer, von denen uns die Österreicher berichtet haben, doch der bleibt aus und die Piste führt genau zwischen den beiden Fronten durch. Mehr als ein paar Regentropfen kriegen wir nicht ab. Nach dem Mittag fegt uns ein gewaltiger Wind über das Campo Amarillo, eine weite Hochebene bedeckt mit gelbem Büschelgras. Worüber wir uns am Nachmittag noch freuen, wird am Abend beim Zeltaufbauen zum Problem. Nach einer Stunde steht es aber dann doch. Alle Heringe und Abspannleinen mit Steinen gesichert, verschlingen wir im Windschatten unter dem knatternden Zelttuch den wohlverdienten Kartoffelstock.

Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur ein grandioses Panorama auf eine frisch verschneite Bergspitze und den Salar del Rincon, sondern auch der schlechteste Streckenabschnitt. Auf den dreissig Kilometern bis zur argentinischen Grenzstation versinken wir immer wieder bis zu den Knöcheln im Sand und blicken trübsinnig auf eine graue, trostlose Kiesebene. Am Mittag erreichen wir den Grenzposten und werden von den dort stationierten Beamten herzlich begrüsst. Wir können unsere Wasservorräte auffüllen und werden auch noch mit ofenwarmen Brot und einer Mango beschenkt. Was für ein Luxus! Dazu erhalten wir eine Einführung in das Einsiedlerleben mitten in den Anden, das die Beamten aber dank dreissig Kilo Fleisch in der Kühltruhe als das einzig wahre Leben empfinden – "esta es vida" – und wir mit den bicicletas sind wieder mal "un poco loco". Alles Ansichtssache. Etwas wehmütig nehmen wir danach unsere Pässe entgegen, in die der letzte argentinische Stempel gedrückt worden ist. Tausende von Kilometern sind wir in diesem Land gefahren, die Distanzen sind oft länger und länger geworden, haben an unserer Psyche gezerrt und uns trotz eindrücklicher Höhepunkte gezeigt, dass dies nicht unbedingt ein Radlerland ist. Die Herzlichkeit und Offenheit der Argentinier werden wir zusammen mit der Endlosigkeit der Pampa, der Hitze von Salta und der Unbegreiflichkeit der Puna aber nie mehr vergessen. Etwas traurig verabschieden wir uns mit diesen Erinnerungen von den Beamten und machen uns auf zum dritten Pass - dem echten Sico.

Die Piste führt aufwärts, der Wind bläst immer stärker entgegen und bringt wieder Regen mit sich. Es wird kalt und mitten auf einer Hochebene taucht das grosse Schild auf: "Paso Fronterizo Sico – Bienvenidos en Chile". Das ist aber ein Witz, denn der Pass ist noch lange nicht erreicht. Wir steigen weiter an, fahren durch eine graue Mondlandschaft, die durch die trüben Regenwolken noch lebloser wirkt. Nach einer Kuppe erreichen wir ein kleines Hochtal und genau in dem Augenblick reisst die Wolkendecke auf und die Sonne zaubert einen leuchtenden Regenbogen über das gelbe Stoppelgras. Wir bleiben staunend stehen, doch nicht lange, denn zur Passhöhe auf 4300 Metern fehlt immer noch ein gutes Stück und es wird langsam spät.
Unser heutiges Ziel ist die chilenische Kontrollstation, aber der Sturmwind, der uns ins Gesicht bläst und eine endlose Gerade, die zum Schluss wieder ansteigt, bringt uns zusammen mit der abendlichen Erschöpfung an unsere körperlichen Grenzen. Kurz vor dem Ziel sind alle Kräfte aufgebraucht, das Fahrrad liegt am Strassenrand und es braucht alle Willensstärke um noch die letzten paar hundert Meter zu bewältigen. Der Empfang der Chilenen ist eher frostig. Nach der Passkontrolle dürfen wir aber doch in ihrem Büro übernachten. Wir sind heilfroh, denn mittlerweile ist es dunkel, die Temperatur im Keller und zum Zeltaufstellen hätte uns schlichtweg die Energie gefehlt.

Tags darauf fahren wir über den vierten Pass ins Herz der Anden. Wie am Agua Negra leuchten die Berge von den Mineralien in allen erdenklichen Farben, Herden von Vicuñas grasen auf den Hochebenen, eine Lagune mit Flamingos und ein grellweisser Salzsee, dessen Wasser türkisfarben schillert, schaffen Augenblicke, die sich unauslöschlich in unsere Erinnerung brennen. Wir versuchen die Bilder in unsere Kamera zu bannen, wohlwissend, dass uns dies nie gelingen wird.
Noch zwei Mal steigen wir auf über 4000 Meter auf und umrunden den Cerro Miniques dabei fast vollständig. Mit der Zeit werden die unterschiedlichen Ansichten des beeindruckenden Gipfels aber doch etwas langweilig und wir beginnen auf eine Abfahrt zu hoffen. Diese erreichen wir am vierten Tag. Zuerst noch langsam über Wellblech und Schotter, vom malerischen Dorf Socaire an dann rasanter. Auf unverschämt feinem Asphalt sausen wir in die graue, trockene Atacamawüste hinaus. Als wir San Pedro de Atacama erreichen, sind wir nicht unglücklich am Ziel zu sein, denn: Wüste ist ja noch schlimmer als Pampa – da fehlen sogar die Büsche.
9. Februar 2006 - 10 300 Kilometer