Es ist still auf dem Zeltplatz, und doch liegen wir wach. Wir lauschen - und da ist es wieder. Ein dumpfes, hohles Zischen in der Morgendämmerung. Das Blasen der Wale ist bis in die Sanddünen hinein hörbar. Wir stehen auf und laufen zum Strand. Das Meer ist spiegelglatt und die Wale schwimmen in nächster Nähe. In regelmässigem Rhythmus tauchen sie auf, ziehen an uns vorbei, springen am Horizont. Das Aufklatschen hört man erst Sekunden später - meilenweit. Das Meer atmet und zusammen mit dem Sonnenaufgang erleben wir einen dieser Momente, von denen man weiss, dass man sie das ganze Leben lang nicht mehr vergisst.
Die kräftezehrende Fahrt durch die argentinische Pampa ist schnell vergessen. Schon nach einem Tag im Biosphärenreservat der Peninsula Valdes sind wir überzeugt, dass sich die Pedalerei mehr als gelohnt hat. Per Boot beobachten wir Wale aus nächster Nähe, lassen uns von ihren gigantischen Köpfen und Schwanzflossen beeindrucken und vom schillernden Sprühnebel der Blasfontänen in der Morgensonne verzaubern. Die Wale schwimmen hier wenige Meter vor der Küste, und auch wenn der Ausflug nach anderthalb Stunden viel zu schnell vorbei ist, können wir die Tiere noch den ganzen Nachmittag vom Strand aus beobachten. Wale sind ein Höhepunkt hier, die riesigen Seeelefantenkolonien ein anderer. Am nächsten Tag machen wir uns in Begleitung von zwei Schweizern, die wir hier zufällig getroffen haben auf, mit Chauffeur und Auto die Insel zu erkunden. Das Velo bleibt im Camping zurück, da die Distanzen zwischen den Schauplätzen mehr als zweihundert Kilometer Naturstrasse betragen (wir sind halt in Argentinien...) und nur in Puerto Pyramides offiziell gecampt werden darf. Strände, übersät mit riesigen Fleischwürsten, den faul in der Sonne liegenden «Elefanten» erwarten uns.
Wir haben es gut getroffen, die Tiere haben Junge. So liegen meist zwanzig bis dreissig Weibchen umgeben von ihren niedlichen schwarzen Babys im Sand, dominiert von einem vier Tonnen schweren und fünf Meter langen «Macho». Und das gleich sandbankweise. Wir können uns an diesen grunzenden, trägen Tieren kaum satt sehen. Auch Magellanpinguine und Orcas können wir beobachten. Aus dem Auto sehen wir die ganze Palette der patagonischen Fauna: Gürteltiere, Riesenhasen, Ministrausse, Stinktiere,...
Am Abend sind wir von den Eindrücken erschlagen. Als Velofahrer sind wir das Tempo des Autos und die Landschaft im Zeitraffer nicht mehr gewohnt. Auf unserer Fahrt von Buenos Aires zehrten wir oft den ganzen Tag von der Begegnung mit einer Wildkatze, den rotflatternden Fähnchen eines Gauchito Gils oder einer galoppierenden Pferdeherde. Jetzt brauchen wir mehr Zeit um das Erlebte zu verarbeiten. Während unsere Begleiter am Abend die Halbinsel bereits verlassen, ist für uns klar: Wir bleiben noch einen Tag. Das Wochenende bringt einen ungemütlichen Touristenstrom und so reisen wir am Samstagabend per Bus ab. Die achzig Kilometer über die bekannte Landzunge schenken wir uns. Wir fahren bis Trelew und merken während der zwei Stunden, dass diese isolierte Art zu reisen wirklich nicht die unsere ist. Trotz Gegenwind und Einsamkeit werden wir die Durchquerung des Kontinents nach Chile mit dem Fahrrad versuchen.
Am Abend sind wir von den Eindrücken erschlagen. Als Velofahrer sind wir das Tempo des Autos und die Landschaft im Zeitraffer nicht mehr gewohnt. Auf unserer Fahrt von Buenos Aires zehrten wir oft den ganzen Tag von der Begegnung mit einer Wildkatze, den rotflatternden Fähnchen eines Gauchito Gils oder einer galoppierenden Pferdeherde. Jetzt brauchen wir mehr Zeit um das Erlebte zu verarbeiten. Während unsere Begleiter am Abend die Halbinsel bereits verlassen, ist für uns klar: Wir bleiben noch einen Tag. Das Wochenende bringt einen ungemütlichen Touristenstrom und so reisen wir am Samstagabend per Bus ab. Die achzig Kilometer über die bekannte Landzunge schenken wir uns. Wir fahren bis Trelew und merken während der zwei Stunden, dass diese isolierte Art zu reisen wirklich nicht die unsere ist. Trotz Gegenwind und Einsamkeit werden wir die Durchquerung des Kontinents nach Chile mit dem Fahrrad versuchen.
Bevor wir die Fahrt quer durch Patagonien in Angriff nehmen, besuchen wir die Punta Tombo südlich von Trelew. An diesem Punkt lebt die grösste Magellanpinguinkolonie ausserhalb der Antarktis. Wieder ein unvergessliches Erlebnis. Wer träumt schon nicht davon, einmal zwischen Tausenden von Pinguinen zu spazieren? Wir konnten es! Einen ganzen Tag haben wir den drolligen Tieren zugeschaut. So unbeholfen sie am Land auch watscheln, so elegant und pfeilschnell sind sie im Wasser. Momentan ist gerade Brutzeit - sobald die Jungen geschlüpft sind, wird es wohl von Touristen wimmeln. Wir aber haben die Tiere den ganzen Morgen lang praktisch für uns.
Von Trelew gehts bloss bis Gaiman. Etwa zehn Kilometer ausserhalb des Städtchens holt uns der patagonische Sturmwind in die Wirklichkeit zurück. Mit 100 km/h kommt er urplötzlich angesaust, wirbelt Staubfontänen in die Luft, in die Ohren und auf die Zähne. Anscheinend hat er seine Schmach nicht verwunden und will sich noch einmal an unseren Kräften messen. An eine Weiterfahrt
ist diesmal aber nicht zu denken und so sausen wir ohne langes Zögern in Rekordgeschwindigkeit mit dem hämisch heulenden Wind im Rücken zurück. Unmöglich Patagonien von Ost nach West zu durchradeln, denken wir an diesem Abend und organisieren für die Strecke einen Bus. Doch schon bald darauf beginnt der Radlerstolz an unserer Entscheidung zu nagen: 1500 Kilometer durch öde Pampa treten und jetzt, da es endlich Richtung Berge geht einfach aufgeben? So unmöglich die ganze Fahrt im Augenblick erscheint, aus dem Gästebuch der Hosteria, in der wir Zuflucht gefunden haben, erfahren wir, dass es auch schon andere Radler vor uns geschafft haben und erst vor wenigen Tagen seien zwei Schweizer hier gestartet... Eine Motivationsspritze für uns! Kurz bevor der Bus abfährt, annullieren wir unsere Tickets. Zwei Tage wollen wir warten, uns ausruhen und es mit neuer Energie nochmals versuchen.
ist diesmal aber nicht zu denken und so sausen wir ohne langes Zögern in Rekordgeschwindigkeit mit dem hämisch heulenden Wind im Rücken zurück. Unmöglich Patagonien von Ost nach West zu durchradeln, denken wir an diesem Abend und organisieren für die Strecke einen Bus. Doch schon bald darauf beginnt der Radlerstolz an unserer Entscheidung zu nagen: 1500 Kilometer durch öde Pampa treten und jetzt, da es endlich Richtung Berge geht einfach aufgeben? So unmöglich die ganze Fahrt im Augenblick erscheint, aus dem Gästebuch der Hosteria, in der wir Zuflucht gefunden haben, erfahren wir, dass es auch schon andere Radler vor uns geschafft haben und erst vor wenigen Tagen seien zwei Schweizer hier gestartet... Eine Motivationsspritze für uns! Kurz bevor der Bus abfährt, annullieren wir unsere Tickets. Zwei Tage wollen wir warten, uns ausruhen und es mit neuer Energie nochmals versuchen.
Nach einem Tag fahren wir bereits los. Schon morgens um Sechs sind wir unterwegs - und der Wind zeigt sich beeindruckt. Für die nächsten zwei Tage ist ihm buchstäblich die Puste ausgegangen. Mit der Angst eines neuen Sturms im Nacken pedalen wir, was das Zeug hält und freuen uns an der sich endlich verändernden Landschaft. Die Ruta 25 führt dem Rio Chubut entlang, durch das Valle de los Altares, vorbei an beeindruckenden Felsformationen, die in den unterschiedlichsten Ockerfarben, durch das intensive Sonnenlicht noch verstärkt leuchten. Und dann steigen wir langsam an in die Berge. Weisse Spitzen tauchen in der Ferne vor uns auf - die ersten verschneiten Höhenzüge der Anden. Am dritten Tag treffen wir um die Mittagszeit auf die zwei Radler, die vor uns gestartet sind. Gemeinsam legen wir die letzten hundertfünfzig Kilometer bis Esquel zurück. Zwar wieder mit etwas mehr Gegenwind als in den letzten Tagen, dafür mit der Willensstärke von vier Tretern - eine echte Herausforderung an den patagonischen Puster!
Als wir nach fünf Tagen durch ein vom Bergfrühling erfülltes Tal nach Esquel hineinfahren, sind wir glücklich. Wir habens geschafft, ohne erneuten Sturm, aber westwärts gegen den Wind Patagonien zu durchqueren. Am Abend feiern wir nicht nur die Ankunft, sondern auch unsere ersten 5000 Kilometer mit warmen Duschen, viel Pizza und einem gemütlichen Bett.
Als wir nach fünf Tagen durch ein vom Bergfrühling erfülltes Tal nach Esquel hineinfahren, sind wir glücklich. Wir habens geschafft, ohne erneuten Sturm, aber westwärts gegen den Wind Patagonien zu durchqueren. Am Abend feiern wir nicht nur die Ankunft, sondern auch unsere ersten 5000 Kilometer mit warmen Duschen, viel Pizza und einem gemütlichen Bett.
Esquel ist eine kleine, ganz auf Oekotourismus getrimmte Stadt mit heimeligem «Interlakenbergpanorama». Im Winter lebt sie vom nahen Skigebiet «La Hoya», das erst vor zwei Wochen den Betrieb eingestellt hat, im Sommer vom Nationalpark «Los Alerces», wo einige der ältesten Exemplare dieser lärchenähnlichen Baumriesen dank Naturschutz überlebt haben und nun Besucher locken. Wir lassen die Attraktionen für einmal links liegen, denn zu sehr steckt uns die Anstrengung der letzten Tage noch in den Knochen. Statt zu neuen Taten aufzubrechen, werden wir Stammkunden der Bäckerei, in der wir uns allmorgendlich mit einem Dutzend süsser, klebriger «Facturas» eindecken, schlendern durch die Strassen oder verschlafen den Nachmittag windgeschützt im Garten der Jugendherberge.
Nur ein Ausflug gehört einfach zum Pflichtprogramm: Die Fahrt mit dem «alten patagonischen Express», von den Argentiniern liebevoll «La Trochita» genannt. Gezogen von der nostalgischen Lock dampfen wir in weiten Schlaufen bis nach Nahuel Pan und wieder zurück und erleben dabei das gemächliche Reisen von Früher im holzgeheizten Wagen. Nur der unaufhörlich plappernde Zugbegleiter passt nicht in diese Idylle. Nach drei Stunden Fahrt fühlen wir uns als Patagonienexpress-Experten mit einem geballten Wissen über alle Zugstrecken im südlichen Argentinien - auch wenn sie schon seit fünfzig Jahren nicht mehr existieren.
Nur ein Ausflug gehört einfach zum Pflichtprogramm: Die Fahrt mit dem «alten patagonischen Express», von den Argentiniern liebevoll «La Trochita» genannt. Gezogen von der nostalgischen Lock dampfen wir in weiten Schlaufen bis nach Nahuel Pan und wieder zurück und erleben dabei das gemächliche Reisen von Früher im holzgeheizten Wagen. Nur der unaufhörlich plappernde Zugbegleiter passt nicht in diese Idylle. Nach drei Stunden Fahrt fühlen wir uns als Patagonienexpress-Experten mit einem geballten Wissen über alle Zugstrecken im südlichen Argentinien - auch wenn sie schon seit fünfzig Jahren nicht mehr existieren.
Nach ein paar weiteren faulen Tagen, die wir mit Bekannten verbringen, welche zufällig zur gleichen Zeit auch mit dem Rad durch Südamerika touren, werden wir unruhig. Wir wollen weiter, denn die Carretera Austral liegt nun in greifbarer Nähe. Der Paso de Futaleufu führt uns in zwei Tagen auf Schotterpisten nach Chile. Schon hier können wir etwas von der grandiosen Landschaft schnuppern, die uns auf unserem weiteren Weg erwarten wird. Verschneite Bergspitzen, sprudelnde Bäche und blumenreiche Frühlingswiesen haben nach der kargen argentinischen Trockenlandschaft eine intensive Wirkung auf uns. Und dann stehen wir vor der Grenze: ¡Bienvenidos en Chile! Obwohl wir uns auf dieses vielseitige Land freuen, fällt uns der Abschied von Argentinien nicht ganz leicht.
26. Oktober 2005 - 5200 Kilometer
26. Oktober 2005 - 5200 Kilometer