Salar de Uyuni

In San Pedro verbringen wir zusammen mit Claudio, einem Berner, der mit seinem Rad über den Paso de Jama gekommen ist, drei faule Tage. Während hunderte von Touristen in den unzähligen Tourenbüros von früh bis spät die nahen Naturwunder der Wüste und Anden erkaufen, besteht unser Programm vor allem aus ausruhen und essen. Nur einmal ketten wir unsere Velos vom Granatapfelbaum des Hospedajes «Ruca» los, um auf einem Miniausflug die Cordillera de Sal zu besuchen. Die Fahrt durch die Wogen und Türme des erstarrten Salzmeeres, vom weichen Morgenlicht beleuchtet und von tiefen Schatten durchzogen, ist fantastisch.
Mit der höhersteigenden Sonne werden die Farben und Formen aber rasch flach und schon um zehn Uhr ist die Zauberstimmung verflogen. Eine Dunstglocke hebt sich über den Salar de Atacama und am Nachmittag pustet der Wind graue Wolken gegen die Berge. Dort sammeln sie sich am Kegel des Lincancaburvulkanes und entladen ihre nasse Fracht in unheimlichen Gewittern, deren Donnergrollen bis nach San Pedro zu hören sind. Das Wetterspiel der Regenzeit, das sich ausnahmslos und immer gleich hier abspielt. Egal für alle, die im Schutz eines Jeeps die Anden erkunden oder unten in der trockenen und heissen Wüste weilen, für uns aber beängstigend, denn die weitere Route zur Laguna Verde und Laguna Colorado führt auf direktem Weg zu besagtem Vulkan und hinein in den Wetterhexenkessel.

Der Klimakontrast ist gewaltig. Am Tag, an dem wir San Pedro hinter uns lassen, führt uns die schnurgerade Asphaltstrasse in Richtung Paso Jama während dreiundvierzig Kilometern und 2000 Höhenmetern vom Sommer in den Winter. Eiskalte Winde begrüssen uns am Portezuelo Cajón, wo die Erdstrasse zur bolivianischen Grenze abzweigt. Eingepackt in wärmende Thermokleidung, mit Mütze und Handschuhen bestückt und trotzdem frierend, stehen wir kurz nach dem Mittag vor dem Schild «Bienvenidos a Bolivia» auf 4100 Metern. Obschon es die Tafel sicher gut meint, fühlen wir uns in dieser Saukälte vorerst nicht unbedingt willkommen. Hier also, auf dieser weiten, steinigen Hochebene, neben der armseligen Blechbaracke der bolivianischen Zollbeamten, die mächtigen Gipfel des Licancabur und eines weiteren Sechstausenders als Zeugen soll unser Bolivienabenteuer beginnen und Chile Vergangenheit werden.
Chile: Von den Gletschern Patagoniens durch die Araukarienwälder der Seenregion bis hinauf in die Atacamawüste sind wir in diesem unglaublichen Land geradelt. Beeindruckt von der Vielfalt der Natur, die uns oft über die etwas spartanische Küche und die zurückhaltenden Menschen hinweg getröstet hat. Eine schöne und erlebnisreiche Zeit, die jetzt in den aufziehenden Wolken verschwindet.

Fünf Kilometer weiter erreichen wir die Laguna Blanca. Dort gibt es eine einfache Unterkunft, in die wir uns noch gerade rechtzeitig einquartieren können, bevor mit einem Donnerschlag die ersten Graupelschauer über die Hänge herunterfegen. Wir können es kaum glauben: Noch vor ein paar Stunden haben wir geschwitzt und jetzt stehen wir am Fenster und schauen zu, wie der Blizzard innert Kürze alles unter einer feinen, weissen Decke begräbt.
Die Wetteruhr tickt gut und am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne. Wir erleben den schönsten Tagesanfang unserer bisherigen Reise. Glitzernde Berge, die sich in der Laguna Blanca spiegeln, Schwärme von Flamingos, die im Wasser stehen und sich ihr Frühstück suchen. Keine Ahnung, wie die dieses Klima aushalten. Unsere Zehen «nägelts» auf jeden Fall schon ohne Eiswasser um die Füsse. Viel Schnee hats zum Glück nicht gegeben und wir finden unseren Weg zwischen der Laguna Blanca und der Laguna Verde problemlos. Immer wieder bleiben wir stehen um diese Märchenwelt zu geniessen.

Heute ist Lagunentag. Schon am Nachmittag blicken wir wieder ins spiegelnde Wasser. An der Laguna Chalviri gibt es einen Thermaltümpel. Herrlich, das Bad im heissen Wasser und der Ausblick auf die verschneiten Anden. Ein Vicuña spaziert gemächlich an uns vorbei und überall leuchten die Rosatüpfchen der Flamingos. Lange können wir aber nicht im Bad liegen bleiben. Es ist drei Uhr und Zeit für den täglichen Schneesturm. Zum Glück erlauben uns die Arbeiter, die hier ein Refugio bauen, in den bereits stehenden Wänden des Gebäudes das Zelt aufzuschlagen. Auch so wird es eine bitterkalte Nacht, auf die ein noch kälterer Tag folgt. Bereits um halb sechs reisst uns der Wecker aus den Daunen. Auch die Flamingos sind früh aufgestanden. Sie stehen im dampfenden Wasser der heissen Quellen und wärmen sich auf. Die ersten Sonnenstrahlen tasten über den Horizont und brechen sich in den Eiskristallen. Sie ist unbeschreiblich, diese Szenerie, unwirklich und atemberaubend schön.

Atemberaubend ist dann auch der Aufstieg zum Geysirfeld «Sol de Mañana». Die Strasse ist immer wieder von beachtlichen Schneewehen versperrt. Wir schieben und japsen in der immer dünner werdenden Höhenluft nach Sauerstoff. Erst gegen Mittag erreichen wir die Passhöhe von 4900 Metern. Dort pfeiffen wir zusammen mit den Geysiren aus dem letzten Loch. 4900 Meter, das sind über hundert Meter höher als am Agua Negra, höher als der höchste Berg der Schweiz, der Mont Blanc. Wir sind stolz und glücklich über unsere Leistung, können uns aber nicht vorstellen in noch dünnere Luftschichten vorzustossen. Jeder Meter braucht enorm viel Energie. Die Mittagssonne taut die Strasse auf, alles verwandelt sich in einen klebrigen, braunen Matsch. Dazu seifen uns die rücksichtslosen Tourenjeeps immer wieder gehörig ein. Einer hält an, ein paar fotowütige Touris springen heraus und wollen unbedingt ein Bild dieser «crazy extreme bikers». Normalerweise können wir uns mit dem Gegröle, Geklatsch und Fotoshooting ja abfinden, aber unter diesen Umständen wird es uns doch zuviel. Sie kriegen ihr Bild, aber nur gegen vier Liter Wasser. Das ist unser Dauerbrenner in dieser Höhe. Trotz der Kälte verbrauchen wir durch die rasche Abatmung fast doppelt so viel Wasser wie normal und das Filtern aus Lagunen und Bächen ist in den Anden mit Gefahren verbunden, weil unsichtbare Giftstoffe und Mineralien im Wasser lauern.
Der Jeep braust davon und wir schlittern weiter. Der Körper beginnt uns zu signalisieren, dass wir jetzt langsam wieder runter sollten, doch der Strasse gefällts hier oben. Über ein langes Stück ist sie nun wieder völlig zugeschneit. Die Jeeps haben kurzum daneben eine neue Spur gelegt. Eine gute Lösung für alle, die auf einer tüchtigen Vollfederung sitzen, für uns aber untauglich. Wir schieben, langsam und endlos lange, aber dann geht es doch endlich hinab zur Laguna Colorado. Dort haben die Flamingos schon fast ein Platzproblem. Rosarot der ganze See, rosarot auch die Wolken, die irgendwie die Farbe aufgenommen haben. Ein unglaubliches Phänomen.

Wir kampieren am Ostrand der Lagune hinter einer abgeschlossenen Hütte der Parkverwaltung. Heute hat die Wetteruhr Verzögerung. Es beginnt erst um sechs Uhr zu schneien, dann aber gleich so heftig, dass uns die Schneeladung glatt eine Zeltstange kostet. Reperatur und Schneeschaufeln in der Abenddämmerung. Zum Glück hält das Gestöber nicht allzu lange an, sonst hätte es eine ungemütliche Nacht gegeben.
Am Morgen müssen wir aber trotzdem Eis schaben. Das gibt warm, zusammen mit dem Aufstieg zum nächsten Pass, der uns unerwartet in eine schneefreie Zone an einen Salzsee führt. Herrvorragend lässt es sich hier radeln. Es wäre ein perfekter Tag geworden, einmal mehr durch die farbenprächtige Andenlandschaft, mit einer webenden Indigenafrau im Nirgendwo und fünf geschenkten Broten beim Campamento der Salzarbeiter - wenn nicht diese zwei unmöglichen Pässe gefolgt wären. Brutal steinig die Strasse, mit Sandlöchern und einer halbwegs geschobenen «Abfahrt» zum kleinen Dörflein Villamar, das versteckt in einem Bofedal liegt, einem sattgrünen Flusstal, in dem riesige Lamaherden weiden. Wir hätten nie gedacht, dass Radlers Glück und Leid in Bolivien so nah einhergehen, dass wir im selben knappen Atemzug über die Strassen fluchen und uns ergriffen von der schlichten Schönheit des Landes hinsetzen müssen.

Auch in den folgenden Tagen verlangen uns die «Joyas altoandinas» dieser gleichnamigen Route viel Kraft ab. Über Sandwege und aufgegebene Strassen erreichen wir Colcha K, ein Dorf am Anfang des grössten Salzsees der Welt, dem Salar de Uyuni. Hier suchen wir Informationen über den Zustand des Salars und Proviant für die Weiterfahrt. Beides ein schwieriges Unterfangen. Esswaren kriegt man hier kaum, Zwiebeln, Kartoffeln, einige Karotten und etwas Brot ergattern wir nach langem Suchen doch. Zum Glück haben wir noch Lebensmittel aus Chile, Knorrsuppenwürfel, Pasta mit Sauce... Über den Salar erhalten wir nur aus Höflichkeit erfundene Aussagen. Von knöchelhoch bis halstief steht das Wasser, trocken jedoch ist er bestimmt nicht. Wir verlieren alle Hoffnung. Mariana muntert uns in ihrer Imbissbude auf. Wir sollen es doch einfach probieren. Das Schwierige sei höchstens der Einstieg, dort könnte es schon sein, dass uns das Wasser bis zu den Knien reiche, aber das sei höchstens ein Kilometer. Uns genügt diese Aussicht um vorwärts zu schauen.

Puerto Chubico, das kleine malerische Dörfchen mit seinen binsengedeckten Adobehäusern ist nicht weit und nach all den trostlosen Käffern eine Augenweide. Auf stilvollen Betten aus Salzquadern übernachten wir hier, um am nächsten Tag voll Zuversicht zum Damm zu radeln, der in den Salzsee hinaus führt. Rings um den Damm hat es Wasser, ein tiefer See ohne Ende. Etwas Überwindung braucht es schon, da hineinzuwaten, alle Vernunft auszuschalten um einem einzigen Traum zu folgen: Diese gigantische Salzpfanne mit dem Fahrrad zu durchqueren. Nach einer Stunde und zwei Kilometern besteht der Untergrund aber immer noch aus Schlamm statt festem Salz. Das Wasser ist eher höher geworden als gesunken.
Wir geben auf. Unsere Kleider sind salzverklebt, wir haben Angst, dass sich der ganze Salzboden im vielen Wasser aufgelöst hat, dass uns irgendwo die Kräfte verlassen, weil das Wasser nicht weniger wird. Eine harte, freudlose Stunde schieben wir zum Damm zurück. Als wir dort ankommen, fährt gerade ein Touristenjeep vor, der einzige, der in der Regenzeit den See nach Uyuni hin überquert. Wir dürfen aufladen. Irgendwann wird das Wasser weniger und wir rollen auf steinhartem Salz. Alles ist unendlich weit und weiss, blasse Berge am Horizont, die Wolken spiegeln sich im Wasser, Boden und Himmel zerfliessen ineinander. In uns aber tobt der Schmerz. Träume aufgeben ist nicht unsere Sache. Salzige Tränen der Enttäuschung mischen sich mit dem Wasser des Salars. Am Ende setzt sich die Leere des Salzsees in uns fest.

Mit dem Bus fahren wir von Uyuni nach Oruro. Dort ist Karneval und wir hoffen, dass uns die Menschenmassen auf andere Gedanken bringen. Einen besseren Ort dafür könnte es kaum geben. In bunten Kostümen und verborgen hinter Masken suchen an der Diablada de Oruro alle dasselbe. Der Wirklichkeit zu entfliehen, einzutauchen, abzutanzen, und zu vergessen – oder sie mit einer gut bemessenen Portion Paceña zu ersäufen.

Tagelang haben wir uns durch lebensfeindliche Gebiete gekämpft, sind zurückhaltenden und bescheidenen Menschen begegnet und jetzt ertrinken wir in den Farben, im Jubel und der ausgelassenen Fröhlichkeit. Ist das nicht seltsam? Nein, denn das ist Bolivien, es lebt von Gegensätzen: Freude steht neben Leid, hinter anfänglicher Verschlossenheit stecken gastfreundliche und hilfsbereite Menschen und gerade die Kargheit der Landschaft gibt jedem Farbtupfer intensive Kraft. Für uns spiegelt sich in diesen Tagen das Gesicht des Landes. Und so ist es auch, als sich nach der prallen und feuchtfröhlichen Karnevalszeit am Montagmorgen rasch die triste Wirklichkeit Oruros wieder breitmacht. Nicht nur das Bier floss in den letzten Tagen in Strömen, die ganze Stadt stinkt nach Urin. Obwohl unsere Radlermotivation noch nicht wieder ganz hergestellt ist, sind wir froh, den schmutzigen Häuserzeilen den Rücken zu kehren. Sorgfältig umkurven wir verräterisch in der Sonne glänzende Pfützen und Abfallberge, die sich in den Gassen türmen, als wir Oruro in südlicher Richtung verlassen. Sucre ist unser nächstes Ziel und irgendwo im Hinterkopf spielt der Gedanke eines zweiten Salarversuchs.
Bis Huarani haben wir Teer, danach klettert die Schotterstrasse eine steile Cuesta hinauf - allerdings ohne uns. Wir folgen auf Empfehlung von Eric, einem Radfahrer, den wir in Chiles Seenregion getroffen haben, der schmalen Fahrspur neben dem Bahngeleise. Der Zug fährt schon seit Jahren nicht mehr, doch die Einheimischen nutzen den bequemen Weg rege. So pedalen wir fröhlich auf dem Talboden dahin, überqueren ab und zu balancierend einen Fluss auf einem alten Bahnviadukt und winken schadenfreudig zu den sich quälenden Camionetas auf der Passstrasse hinauf. Schon beglückwünschen wir uns zur guten Routenwahl, als uns in Llallagua das Ende der Zuglinie brutal auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Einziger Weg nach Sucre bleibt die gebirgige Hauptstrasse durch die Cordillera Central.

Eine scheinbar nicht enden wollende Pässefahrt beginnt. Jeden Tag erarbeiten wir uns mehr als tausend Höhenmeter im ständigen Rauf und Runter auf knochenharter Schotterpiste. Jubelschreie über eine heiss ersehnte Abfahrt verstummen jäh, sobald der Blick auf die sich am gegenüberliegenden Berghang hinaufwindenden Serpentinen fällt. Tiefeingeschnittene Schluchten wechseln mit steilen Gebirgskämmen und engen Hochtälern ab. Einsam sind wir aber nie, denn überall leben die Indigenas. Wie ein Flickenteppich überziehen ihre Felder die unzugänglichen Berghänge. Einfache Stein- und Lehmhäuser drücken sich aneinander, die kleinen Dörfer einzig durch schwindelerregende Fusspfade verbunden. Hirtenmädchen mit Steinschleudern in der Hand treiben ihre Schafherden über die Felsen und in der Luft liegt der Klang von pentatonischen Holzflöten. Auf dem Land ist der Karneval noch in vollem Gange und wird wohl erst aufhören, wenn der letzte Tropfen „Petrol potable" getrunken und der letzte Becher Chicha geleert ist.

Am Abend ist es nicht immer einfach einen Schlafplatz zu finden. Die "Alojamientos" in den kleinen Orten klassifizieren wir irgendwo zwischen sehr einfach und grauenvoll. Lieber bitten wir in Schulen oder Spitälern um eine saubere Ecke, wo wir unseren Schlafsack ausrollen dürfen.
Bald gewöhnen wir uns auch daran "Gringos" zu sein und in den Dörfern von den Kinderscharen begleitet und mit den Händen bestaunt zu werden. Die Menschen sind meist freundlich, doch Aussagen über den Strassenverlauf geniessen wir mit Vorsicht. "Drei Stunden bis Ravelo" - wir brauchen das Doppelte; "eine klitzekleine Steigung, dann alles bergab" - wir kämpfen einen Tag lang an drei zähen, steilen Aufstiegen… Am Schluss wollen wir lieber gar nichts mehr über die nächsten Kilometer wissen. Nach einer Woche erreichen wir die Hauptstadt Boliviens. Sucre ist genau das, was wir brauchen. Wir leisten uns ein grosses Zimmer mit eigenem Bad und Fernseher im Dreisternhotel für fünfzehn Fränkli und geniessen das Stadtleben in vollen Zügen.
Nach dem Morgenessen schlendern wir durch die sauberen Gassen und palmengesäumten Pärke auf der Suche nach einer Salteñaverkäuferin. Die lecker gefüllten Teigtaschen stellen unser zweites Frühstück dar. Nach einem kleinen Stadtrundgang schmeissen wir uns in den Liegestuhl an die Sonne und geniessen, ein Glas Jugo in der Hand, den Blick vom Recoletaaussichtspunkt bis uns die am Vortag entdeckte Chocolateria in den Sinn kommt. Mit einer Tüte feinster Truffes räkeln wir uns wenig später vor dem Fernseher - und bald ist es auch schon wieder Zeit zum Nachtessen. Sucre - schneeweiss und zuckersüss: Unser Schlaraffenland, in dem wir den harten bolivianischen Radleralltag für drei Tage vergessen können.

Unsere Energiereserven sind frisch aufgefüllt, als wir die schmucke Stadt Richtung Potosi verlassen. Als wir dort nach zwei Tagen ankommen, brauchen wir schon wieder eine Pause. So ist Bolivien: Trotz Asphalt haben die 3000 Höhenmeter über Berg und Tal bis zum imposanten Cerro Rico unsere Radlerbatterien bereits wieder leergesogen.
Der Cerro Rico - sein zerschundenes Antliz bedrückt uns. Die Vorstellung, dass in seinem Inneren noch heute beinahe Tausend Mineros unter menschenunwürdigsten Bedingungen Erz schürfen ist erschreckend. Erschreckend ist für uns auch der Elendstourismus, der mit den Minen betrieben wird. Wir stellen uns vor, was man mit dem Geld, das in den Tourenagenturen verschwindet für die Arbeiter und ihre Familien alles ändern könnte. Acht Millionen Indigenas soll der Berg seit 1545 «geschluckt» haben. 46`000 Tonnen Silber hat er dafür «ausgespuckt». Ob das Silber die Menschenleben aufwiegt? Rechtfertigt es eine solch kriminelle Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft? Der Schatten des Cerros fällt über Potosi. Wir tun uns schwer damit, die Stadt zu mögen. Obwohl wir den Nachmittag in der Werkstatt des Pneusandalenmachers wohl kaum vergessen werden - und wo kann man schon für einen Stutz zweimal ins Kino?

14. März 2006 - 11 200 Kilometer